Getrocknetes Suppengemüse

Rapunzel, die alle so nennen, weil in ihrem Garten überall Feldsalat wächst, meine Gartennachbarin Frau B. und ich sind im Vereinsheim verabredet. Wir wollen gemeinsam einen Vorrat Suppengemüse anlegen.

Rapunzel stapelt zwanzig Halbliter-Bügelgläser auf den Tresen.

Vor zwei Tagen hatten wir 20 Stangen Porree, fünf Kilogramm Möhren, 20 Petersilienwurzeln sowie 10 kleine Sellerieknollen mit Blättern zusammengetragen. Die Möhren, die Petersilienwurzeln und die Sellerieknollen schälten wir und schnitten sie in dünne Stifte. Die zarten Sellerieblätter wurden gewaschen und trocken geschleudert, nachdem wir die Stielansätze herausgeschnitten hatten. Vom Lauch entfernten wir die äußeren Blätter und die Wurzelansätze. Dann schnitten wir ihn in feine Streifen. In einem großen Topf mit Salzwasser blanchierten wir das Gemüse, schreckten es in Eiswasser ab und tupften alles mit Küchenpapier trocken. Danach breiteten wir die Gemüseteilchen auf weißen Baumwollbetttüchern aus.

Nun war das Gemüse vorgedarrt und wir bestücken die Bleche unseres Backofens. Bei 50 °C wird der Trockenvorgang mit gelegentlichem Wenden der Gemüsestückchen fortgesetzt.

Derweil planen wir unseren Märchenabend. Einige Mütter hatten die Idee, Anfang Dezember für die Kinder der Gartenfreunde eine Märchenvorlesung zu organisieren – sicher auch mit dem Hintergedanken, den Eltern einen freien Abend für ungestörte Weihnachtsfestvorbereitungen zu verschaffen.
Rapunzel war für dieses Vorhaben sofort Feuer und Flamme  und überredete Frau B. und mich zur Mithilfe.

Zunächst gilt es geeignete Märchen auszuwählen.

„Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“, schlage ich vor.

„Die Bremer Stadtmusikanten“, sagt Rapunzel.

„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“, fügt Frau B. mit finsterer Miene hinzu.

Die Tür des Vereinsheims fliegt auf und mein Fräulein Tochter und ihr Freund treten ein.

„Was guckt ihr so erschrocken“, fragt der vollbärtige Philosophiestudent mit dem Männerdutt, „habt ihr ein schlechtes Gewissen wegen der Energieverschwendung?“ Er deutet auf den Backofen, an dem Rapunzel grade neue Bleche einschiebt.

„Müsst ihr nicht zu irgendeiner Klimademonstration?“, fragt Frau B. spitz.

„Da waren wir grade.“ Das Fräulein Tochter winkt ab.

„Wir bereiten einen Märchenabend für die Vereinskinder vor“, erklärt Rapunzel.

„Und trocknen Suppengemüse“, füge ich hinzu.

„Riecht gut“, stellt das Fräulein Tochter fest.

„Nee, im Ernst, wollt ihr es nicht mal mit einer Sonnendarre versuchen? Ich besorge euch einen Bauplan“, bietet der Philosophiestudent an.

„Die könntet ihr auch mit den Kindern bauen“, ergänzt das Fräulein Tochter.

„Wir erzählen den Kindern jetzt erstmal Märchen“, sagt Frau B. bestimmt.

„Bring den Plan ruhig mal mit“, lenke ich ein.

„Eine bessere Darre als unser altes Vereinsheim gibt es nicht“, nörgelt Frau B. weiter.

„Die Sonnendarre bauen wir nächstes Jahr, heute mischen wir Lorbeerblätter und Pfefferkörner unter das trockene Gemüse.“ Rapunzel hält die Gewürztüten hoch.

4 Gedanken zu “Getrocknetes Suppengemüse

  1. Hallo, ich mache das auch ca. zweimal im Jahr, nach dem Trocknen mahle ich das Gemüse klein und benutze die gekörnte Brühe auch zum würzen. Mischt ihr auch Meersalz unter das Gemüse? VG Rita

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  2. Für die 2 großen Kinder „Die 7 Raben“, da ist die Sonne nämlich sehr böse (oder war es nur der Mond?…) und das ist ein Grund, ihre Energie nicht zu nutzen, da sich sonst die Bösartigkeit auf das Supengemüse und den Rest der Menschheit verteilt, da Energie ja nicht verschwindet… 😀

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