Gegrillte Weinblätter

Mein Fräulein Tochter Jasmin und ihr Philosophiestudent haben zur Grillparty in die gemeinsame Kleingartenparzelle geladen.
Ich bereitet zunächst eine Mischung aus einem halben Teelöffel Anis, je einem Teelöffel Zimt, Galgant, Muskatblüte und Kardamomsamen, je zwei Teelöffel Kurkuma, schwarzer Pfeffer, gemahlener Ingwer, Kubebenpfeffer, geriebene Muskatnuss, zwei Esslöffel Koriandersamen, drei Esslöffel Kreuzkümmel, zwei getrockneten Chilischoten, vier Pimentkörnern, acht Nelken und zwei Gramm Safranfäden. Wer nicht alle diese Gewürze zur Hand hat, kann beim Gewürzdealer seines Vertrauens auch nach der Mischung „Ras el Hanout“ fragen.
Von meinem Traubenwein Solaris hatte ich 30 große Weinblätter gepflückt und die Stiele entfernt.
Aus drei Esslöffeln Salz und anderthalb Litern Wasser koche ich eine Lake, füge einen Esslöffel Zucker und den Saft einer halben Zitrone hinzu, lege die gewaschenen Weinblätter in eine Glasschüssel und übergieße sie mit dem heißen Sud und stelle die Schüssel beiseite.
Dann koche ich 150 Gramm Quinoa mit einem Teelöffel Salz in 300 Milliliter Wasser.
Ich schäle eine mittelgroße Zwiebel, schneide feine Würfel und dünste diese in wenig Olivenöl bei mittlerer Hitze glasig. Dann hacke ich eine Tomate, zwei Knoblauchzehen und zwei Esslöffel Rosinen grob und gebe sie zur Zwiebel in die Pfanne. Ich schmecke mit zwei Teelöffel meiner Gewürzmischung und Salz ab, ziehe die Pfanne vom Herd, füge eine Hand voll gehackte, glatte Petersilie hinzu und verrühre alles mit dem gegarten Quinoa.
Dann fische ich die Weinblätter aus dem Sud und tupfe sie trocken.
Nun gebe ich auf jedes Weinblatt ein bis zwei Esslöffel von der Füllung, schlage die kurzen Seiten nach innen und rolle das Ganze auf und bepinsele die Rollen mit Olivenöl.
Als Dip verrühre ich 200 Gramm veganen Joghurt mit drei Esslöffel Tahin, je einem Esslöffel Zitronensaft und Olivenöl und einem Teelöffel Salz.
So gerüstet mache ich mich auf den Weg.
Vor der Parzelle meiner Tochter lungert Bruce herum.
„Du traust dich wohl nicht rein?“, frage ich.
„Die grillen doch nur Pflanzen“, nuschelt Bruce und äugt misstrauisch über den Zaun.
„Ja und?“
„Nein, ich mach nur Spaß. Ich warte nur noch auf Rapunzel und Pierre“, grinst Bruce.
„Was bringt ihr mit?“
„Rapunzel hat Babykarotten! Und ich Pilssuppe.“ Bruce stößt mit dem Fuß an einen Kasten Bier zu seinen Füßen.
„Und Pierre?“
„Zucchini, glaub ich.“
Meine Gartennachbarin Frau B. und ihr Mann Hans-Georg nähern sich.
„Ich höre die jungen Leute feiern?“ Frau B. hält eine Flasche Sekt hoch.
„Verspätete Parzelleneinweihung. Ging ja nicht eher, wegen der Seuche“, nicke ich.
„Apropos – haben wir Verluste zu beklagen?“, wendet sich Frau B. an Bruce.
Bruce Miene verfinstert sich. „Das darf ich dir gar nicht sagen, wegen Datenschutz.“
Frau B. zeigt sich unbeeindruckt. „Ich habe gehört, dass dein Vorpächter an Corona gestorben ist.“
„Kurtchen? Das war schon bei der ersten Welle im Altenheim.“
„Sonst niemand?“ Frau B. lässt nicht locker.
„Es gab schon einige Infektionen. Aber es sind alle wieder genesen, soweit ich weiß.“
„Na wir sind jedenfalls geimpft“, triumphiert Frau B. und schreitet Richtung Grill.

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