Lebkuchen aus Kartoffelteig

„Mama, mein Lebkuchengewürz ist alle“, fleht mein Fräulein Tochter am Telefon.

„Kein Problem,“ sage ich, „da mischt du 35 Gramm Zimtpulver, 10 Gramm Nelkenpulver, je zwei Gramm Ingwer-, Koriander-, Kardamom- und Pimentpulver sowie je ein Gramm Muskat und Muskatblüte.“

Schweigen am anderen Ende. „Jasmin? Bist Du noch dran? Hast Du die Zutatenliste gehört?“

„Ja. Danke. Es ist nur …“

„Lass mich raten, Du hast auch keinen Zimt.“

„Doch Zimt habe ich, nur die restlichen Pulver fehlen. Koriander könnte noch da sein.“

„Na gut ich komme mal rüber und bringe was mit.“

Wenig später stehe ich beim Fräulein Tochter am Wohngemeinschafts-Küchentisch. Dieser wird zur Hälfe durch den Freund meiner Tochter in Beschlag genommen. Neben seinem Laptop liegen Bücher und Kartons mit Briefumschlägen und Druckpapier.

„Unser stellvertretende Vorsitzende in spe hat den Auftrag bekommen, eine Briefwahl vorzubereiten.“ Jasmin zwinkert mir zu. Ihr Freund lugt unglücklich über den Rand des Laptops.

„Muss das sein?“, frage ich.

„Mhm, weil wir in diesem Jahr keine Mitgliederversammlung als Präsenzveranstaltung mehr organisiert kriegen.“

„Und muss das hier sein?“ hakt Jasmin nach und beansprucht mit einer Geste den Küchentisch für uns.

„Ich ziehe jetzt nicht um, nur weil ihr jetzt Plätzchen backen wollt. Nehmt die Arbeitsfläche am Herd.“

„Wir backen keine Plätzchen, sondern Lebkuchen.“

„Und ich backe Briefe.“

„Das ist eine Idee, wir könnten Lebkuchenbriefe backen“, grinst Jasmin.

„Wir werden uns arrangieren“, beschwichtige ich.

Zunächst schälen und kochen wir 200 Gramm mehlig kochende Kartoffeln. Daraus rühren wir mit 50 Milliliter Mandelmilch einen glatten Brei. Den Ofen haben wir auf 200 °C Ober- und Unterhitze vorgeheizt. Dann rühren wir 125 Gramm Margarine mit 200 Gramm Rohrohrzucker und drei Esslöffeln Weizenmehl schaumig. Das Gemisch gießen wir über den Kartoffelbrei und rühren nach und nach 200 Gramm Dinkelmehl, zwei Teelöffel Backpulver, 220 Gramm gemahlene Mandeln, 18 Gramm Lebkuchengewürz und die abgeriebene Schale einer unbehandelten Zitrone ein.

Dann legen wir Backbleche mit Backpapier aus und formen 18 gleich große Kugeln.

Das Telefon des Briefwahlvorbereiters klingelt. Er geht mit finsterer Miene ran. Zu uns formt er lautlos mit den Lippen: „Bruce!“

„Meine Stimme habt ihr,“ flötet das Fräulein Tochter.

„Meine auch,“ schließe ich mich an.

Die Miene des stellvertretenden Vorsitzenden im Wartestand hellt sich auf.

„Die Ausnahmeregelung für Vorstandswahlen wurde bis zum 31. August 2022 verlängert? Wir machen doch keine Briefwahl? Stattdessen Präsenzveranstaltung im Sommer 2022?“

Er legt sichtlich erleichtert auf und beginnt, seine Büroutensilien vom Küchentisch zu räumen.

„Dann machen wir auch keine Lebkuchenbriefe,“ beschließt Jasmin und drückt die Kugeln zu runden Platten mit flachen Rändern. Nach zirka 15 Minuten Backzeit auf mittlerer Schiene sind die Kuchen fertig und werden von uns mit Schokoguss bestrichen. Dazu schmelzen wir im Wasserbad 200 Gramm Zartbitterkuvertüre mit einem gestrichenen Esslöffel Kokosfett.

7 Gedanken zu “Lebkuchen aus Kartoffelteig

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