Lebkuchen aus Kartoffelteig

„Mama, mein Lebkuchengewürz ist alle“, fleht mein Fräulein Tochter am Telefon.

„Kein Problem,“ sage ich, „da mischt du 35 Gramm Zimtpulver, 10 Gramm Nelkenpulver, je zwei Gramm Ingwer-, Koriander-, Kardamom- und Pimentpulver sowie je ein Gramm Muskat und Muskatblüte.“

Schweigen am anderen Ende. „Jasmin? Bist Du noch dran? Hast Du die Zutatenliste gehört?“

„Ja. Danke. Es ist nur …“

„Lass mich raten, Du hast auch keinen Zimt.“

„Doch Zimt habe ich, nur die restlichen Pulver fehlen. Koriander könnte noch da sein.“

„Na gut ich komme mal rüber und bringe was mit.“

Wenig später stehe ich beim Fräulein Tochter am Wohngemeinschafts-Küchentisch. Dieser wird zur Hälfe durch den Freund meiner Tochter in Beschlag genommen. Neben seinem Laptop liegen Bücher und Kartons mit Briefumschlägen und Druckpapier.

„Unser stellvertretende Vorsitzende in spe hat den Auftrag bekommen, eine Briefwahl vorzubereiten.“ Jasmin zwinkert mir zu. Ihr Freund lugt unglücklich über den Rand des Laptops.

„Muss das sein?“, frage ich.

„Mhm, weil wir in diesem Jahr keine Mitgliederversammlung als Präsenzveranstaltung mehr organisiert kriegen.“

„Und muss das hier sein?“ hakt Jasmin nach und beansprucht mit einer Geste den Küchentisch für uns.

„Ich ziehe jetzt nicht um, nur weil ihr jetzt Plätzchen backen wollt. Nehmt die Arbeitsfläche am Herd.“

„Wir backen keine Plätzchen, sondern Lebkuchen.“

„Und ich backe Briefe.“

„Das ist eine Idee, wir könnten Lebkuchenbriefe backen“, grinst Jasmin.

„Wir werden uns arrangieren“, beschwichtige ich.

Zunächst schälen und kochen wir 200 Gramm mehlig kochende Kartoffeln. Daraus rühren wir mit 50 Milliliter Mandelmilch einen glatten Brei. Den Ofen haben wir auf 200 °C Ober- und Unterhitze vorgeheizt. Dann rühren wir 125 Gramm Margarine mit 200 Gramm Rohrohrzucker und drei Esslöffeln Weizenmehl schaumig. Das Gemisch gießen wir über den Kartoffelbrei und rühren nach und nach 200 Gramm Dinkelmehl, zwei Teelöffel Backpulver, 220 Gramm gemahlene Mandeln, 18 Gramm Lebkuchengewürz und die abgeriebene Schale einer unbehandelten Zitrone ein.

Dann legen wir Backbleche mit Backpapier aus und formen 18 gleich große Kugeln.

Das Telefon des Briefwahlvorbereiters klingelt. Er geht mit finsterer Miene ran. Zu uns formt er lautlos mit den Lippen: „Bruce!“

„Meine Stimme habt ihr,“ flötet das Fräulein Tochter.

„Meine auch,“ schließe ich mich an.

Die Miene des stellvertretenden Vorsitzenden im Wartestand hellt sich auf.

„Die Ausnahmeregelung für Vorstandswahlen wurde bis zum 31. August 2022 verlängert? Wir machen doch keine Briefwahl? Stattdessen Präsenzveranstaltung im Sommer 2022?“

Er legt sichtlich erleichtert auf und beginnt, seine Büroutensilien vom Küchentisch zu räumen.

„Dann machen wir auch keine Lebkuchenbriefe,“ beschließt Jasmin und drückt die Kugeln zu runden Platten mit flachen Rändern. Nach zirka 15 Minuten Backzeit auf mittlerer Schiene sind die Kuchen fertig und werden von uns mit Schokoguss bestrichen. Dazu schmelzen wir im Wasserbad 200 Gramm Zartbitterkuvertüre mit einem gestrichenen Esslöffel Kokosfett.

Kürbisburger

Neulich las ich bei einem Facebookfreund den Aufruf: „Bürger! Haltet Eure Küchentüren fest verschlossen! Bald werden Euch Gartenbesitzer wieder Kürbisse schenken wollen.“

Er erntete neben dem üblichen Kalauer von der Bowle mit den ganzen Früchten viel Widerspruch. Von: „Liebe Gartenbesitzer! Ich will Kürbisse!“ über „Her damit!“ bis: „Kann denn ein Kürbis lügen? Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Kürbisse.“

Mein Fräulein Tochter und ich verschenken zwar auch hin und wieder einen Kürbis, aber nur auf Nachfrage. Ansonsten verarbeiten wie unsere Ernte selbst.

Einen Würfel Hefe lösen wir in 300 Milliliter lauwarmem Wasser auf und kneten damit ein Gemisch aus 600 Gramm Dinkelmehl (Type 630) und zwei Teelöffeln Salz zu einem Teig, den wir 30 Minuten zugedeckt an einem warmen Ort gehen lassen. Danach formen wir mit bemehlten Händen 14 Portionen und backen im auf 200 °C vorgeheizten Ofen in zirka 20 Minuten Brötchen.

Während unsere Burger-Brötchen backen und abkühlen, schälen und kochen wir acht mittelgroße Kartoffeln. Auch einen Butternutkürbis wird geschält und entkernt. Dann raspele ich 600 Gramm Kürbisfleisch in eine Schüssel. Darüber werden 20 Milliliter Gemüsebrühe gegossen und sechs Esslöffel Maismehl sowie 60 Gramm Dinkelflocken gestreut. Wir rühren die zerquetschten Kartoffeln dazu und schmecken mit Muskatnuss, Pfeffer und Salz ab. Aus zwei Zwiebeln werden feine Ringe und aus vier Tomaten Scheiben geschnitten. Zwei kleine Lollo-Rosso-Salatköpfe zupfen wir vorsichtig zu einzelnen Blättern.

Die Kürbismasse formen wir zu 14 flachen Patties und braten diese bei mittlerer Hitze in etwas Öl auf beiden Seiten an.

Wir schneiden die abgekühlten Brötchen in Hälften, verteilen auf den Böden Zwiebelringe, Tomatenscheiben und Salatblätter. Darauf setzen wir die Kürbisbratlinge, geben etwas Ketchup und Steaksauce darüber und setzen die Deckel auf.

Weil diese Kürbisburger warm am besten schmecken, verpacken wir sie rasch in einer Isoliertasche und machen uns auf den Weg in unsere Gartenanlage, wo wir schon erwartet werden.

Der Vorstand und einigen Gartenfreunde und Gartenfreundinnen sitzen mit gebührendem Abstand in einem Stuhlkreis vor dem Vereinsheim um eine Feuerschale herum. Unser alter Vorsitzende, will die Amtsgeschäfte an Bruce übergeben, aber noch will niemand aus der Runde, das Amt des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden von Bruce übernehmen. Just als wir eintreffen, meldet sich der Freund vom Fräulein Tochter und fragt: „Was wäre denn alles zu machen als Stellvertreter?“ Bruce brummt. „Alles.“

„Nana, nana“, mischt sich der alte Vorsitzende ein, „so schlimm ist das auch wieder nicht. Der Vorsitzende vertritt den Verein nach außen, also gegenüber Verband, Stadtverwaltung, Dienstleistungsfirmen und so weiter und der stellvertretende Vorsitzende kümmert sich um die Belange der Mitglieder, also Pachtverträge, Arbeitseinsätze, Gartenordnung und sowas alles.“

„Und sowas ALLES, sag ich doch“, knurrt Bruce.

„Ich kann‘s ja mal versuchen“, sagt mein Schwiegersohn in spe.

Ein Aufatmen geht durch die Runde, und die Kürbisburger schmecken gleich nochmal so gut.

Geräucherte Kartoffeln mit Auberginendip

Mein Fräulein Tochter Jasmin und ich bereiten eine Sesampaste, die auch Tahini oder Tahin genannt  wird. Wir rösten 500 Gramm Sesamkörner in einer Pfanne ohne Fett goldgelb an und lassen sie wieder abkühlen. Dann geben wir den Inhalt der Pfanne zusammen zwei Gramm Salz in einen Mixer und fügen nach und nach sechs Esslöffel Rapsöl hinzu, bis eine cremige Masse entstanden ist.

Dann heizen wir den Backofen auf 220 °C vor. Auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech platzieren wir sechs Auberginen (zirka 1,3 kg), die wir zuvor gewaschen und mit einer Gabel eingestochen haben. Auf mittlerer Schiene backen die Eierfrüchte nun eine knappe halbe Stunde lang, bis die äußere Haut stellenweise verbrannt ist.

Währenddessen schälen wir sechs Knoblauchzehen und bereiten 125 Milliliter frisch gepressten Zitronensaft. Dann verrühren wir 200 Gramm Sojajoghurt mit 250 Gramm unserer Sesampaste, den zerquetschten Knoblauchzehen und dem Zitronensaft.

Von den abgekühlten Auberginen entfernen wir die verbrannte Schale und die Strünke. Das Innere der Eierfrüchte zerdrücken wir mit einer Gabel und heben die Gemüsemasse unter die Joghurt-Tahin-Mischung. Wir schmecken mit Salz ab und machen uns mit unserem Dip auf den Weg in unsere Gartenanlage.

Im Garten meiner Tochter herrscht reges Treiben. Einige junge Leute haben sich um einen Edelstahltrog versammelt. Der Freund meiner Tochter begrüßt uns. Sein Männerdutt ist ausgefranst und schwarze Striemen zieren sein Gesicht.

„Na mein Pflanzenkohle-Held,“ begrüßt das Fräulein Tochter ihren Philosophiestudenten und wir nicken in die Runde.

„Eine Ladung haben wir schon fertig,“ strahlt der Hobbyköhler und deutet auf einen Haufen Holzkohlestücke. „Die müssen nur noch zerkleinert und aufgeladen werden.“

„Aufgeladen?“

„Na zum Beispiel mit Urin oder einer Lösung mit effektiven Mikroorganismen“, erklärt einer. „Oder wir streuen das Kohlepulver nur in den Kompost“, wirft ein anderer ein.

Die Runde diskutiert über die jüngsten Erfahrungen. Begriffe wie Kontiki, Kohlendioxidspeicherung, Terra Preta, Biodiversität und Urgesteinsmehl schwirren hin und her.

Ich sehe mir den Stahlbottich genauer an. Am unteren Ende ist an einem Ventil ein Wasserschlauch angeschlossen. Im Inneren befindet sich eine tricherförmige Vertiefung in der gleichmäßig aufgeschichtete Holzstücke glimmen. Hin und wieder züngelt eine Flamme.

„Ich glaube wir können die nächste Lage einschichtet, beschließt das Fräulein Tochter und beginnt ungefähr gleich große Holzstücke in den Trichter zu legen.

„Wir können damit nachher noch grillen und wir haben Kartoffeln im Smoker.“

Wir inspizieren den Räucherofen. Die jungen Leute hatten vor einer Stunde das Gerät auf 130 °C vorgeheizt, mittelgroße Kartoffeln ringsum zehnmal mit einer Gabel eingestochen und mit einer Mischung aus Rapsöl, Salz und Pfeffer eingepinselt. Dann gaben sie eingeweichte Erlenholzschnitzel in den Einschub des Gerätes und die Erdäpfel in die Räucherkammer.

„Pack mal unsern Dip aus,“ weise ich Jasmin an, “ich glaube die sind gleich gar.“

Zucchinisuppe mit Belugalinsen

Meine Gartennachbarin Frau B. und ich werkeln in unseren Beeten. Auf der anderen Seite des Gartenweges klopft jemand auf Holz herum. Hin und wieder heult eine Flex auf, quietscht ein Akkuschrauber. Ich strecke mein Kreuz durch, spähe hinüber und frage: „Was lärmt Bruce denn da drüben herum?“

Auf dem Gartenweg kommen zwei Jungen auf einem Tretroller gesaust.

„Jetzt macht mal langsam“, ruft Frau B. ihnen zu und wendet sich zu mir. „Hans-Georg ist auch schon den halben Vormittag drüben und hier bleibt die Arbeit liegen.“

„Was bauen die denn?“

„Ach“, Frau B. winkt ab, „irgendwas an der Hütte mit Streben und Sparren.

Auf dem Gartenweg saust der Tretroller mit den beiden Jungen abermals vorbei.

„Was hab ich euch gesagt“, schreit Frau B. hinterher und über den Gartenweg: „Hans-Georg, kommst du?“

„Gleich“, ruft Hans-Georg zurück, „Ich muss nur eben noch das Kopfband halten.“

„Essen ist gleich fertig“, setzt Frau B. erneut an und etwas leiser: „Kopfband, der soll mal aufpassen, dass er keinen Kopfverband kriegt. Ich hab gebratene Zucchini gemacht mit Plockwurst. Was gibt es bei dir?“

„Ich geh zu Jasmin, die macht auch was mit Zucchini.“

„Dann bring mir mal das Rezept mit. Für Zucchini hat man ja nie genug.“

Der Tretroller knallt gegen die Gartentür, die Hans-Georg soeben geöffnet hat. Die Jungen schluchzen und streiten. „Ich war das nicht, da musst du eben besser aufpassen, du – du  – Kackfrosch.“

Hans-Georg und Bruce grinsen und heben den Roller wieder auf. Doch keiner der Jungen will weiter damit fahren.

Frau B. schilt: „Das hab ich euch doch gesagt. Das immer erst was passieren muss. Na wartet mal.“ Frau B. holt aus ihrer Gartenschürze eine Tüte mit Gummitieren. „Seht ihr, ich hab hier auch einen Frosch für euch. Aber nur wenn ihr nicht wieder so schnell fahrt und aufhört zu heulen.“

Unterdessen hat Bruce auf seinem Smartphone etwas gesucht und zeigt uns das Display. „Ich hab hier auch einen Frosch und der ist ein richtiger Kackfrosch.“ Zu sehen ist ein Frosch, der eine verblüffend große Wurst ausscheidet.

„Da war das neulich vielleicht gar nicht vom Igel“, überlegt Hans-Georg.

„Ich geh jetzt zu Jasmin und wünsche Euch einen guten Appetit“, verabschiede ich mich. Frau B. winkt Bruce zur Zucchinipfanne.

Mein Fräulein Tochter hat 150 Gramm Belugalinsen in einem halben Liter Wasser gegart. Sie hackte zwei Knoblauchzehen, briet sie mit etwas Öl in einem Tiegel an. Dann fügte eine sehr kleine gehackte Chilischote, einen Teelöffel Kurkuma und einen halben Teelöffel abgeriebene Zitronenschale dazu, rührte etwas und gab schließlich etwa ein Kilogramm geschälte und in dicke Scheiben geschnittene Zucchini in den Tiegel. Nach einer Viertelstunde köcheln, füllte sie einen Viertelliter Gemüsebrühe auf und lies zugedeckt köcheln bis die Zucchini sehr weich sind. Dann gab sie zwei Esslöffel Zitronensaft dazu und pürierte alles mit dem Stabmixer. Sie fing die gekochten Linsen in einem Sieb, würzte mit Pfeffer und Salz und gab auf jeden Teller zwei Esslöffel Linsen und einen Esslöffel gehackte Petersilie.

Fenchel-Aprikosen-Gemüse mit Kichererbsenreis

Der Freund meiner Tochter Jasmin hockt im Garten vor einem großen Stein und hält in der Hand einen kleineren Stein.
„Klopf, klopf“, rufe ich über den Zaun. „Was treibst du da?“
„Ich versuche Aprikosensteine zu knacken, um an die Kerne zu gelangen.“
„Wie in der Steinzeit?“
„Hm, experimentelle Archäologie gewissermaßen.“
„Unfug“, ruft das Fräulein Tochter unter dem Vordach der Laube hervor, „der Nussknacker ist zu groß für die kleinen Dinger. Wir brauchen nur sechs Esslöffel Aprikosenkerne“, beschwichtigt Jasmin und winkt mich zu sich.
„Ein Glück, dass wir kein Persipan machen wollen“, stellt der experimentierende Archäologe fest.
„Persipan?“, frage ich.
„Das ist das Marzipan der armen Leute. Wenn keine Mandeln zur Verfügung standen, wurden als Ersatz Aprikosen- oder Pfirsichkerne verarbeitet. Dabei dürfen nur Kultursorten verwendet werden, denn die Kerne der Wildsorten enthalten zu viel Blausäure und schmecken bitter.“
„Wir haben ja eine Kultursorte“, sagt Jasmin und winkt erneut.
Unter dem Vordach zeigt sie mir einen Zettel mit einem Rezept.
60 Gramm Kichererbsen in kaltem Wasser einweichen und am nächsten Tag mit ungesalzenem Wasser gar kochen. 150 Gramm Reis in Gemüsebrühe kochen und dann mit je einem Teelöffel Kurkuma- und Korianderpulver mischen. Zwei Esslöffel Olivenöl erhitzen und darin eine geschälte und gehackte Zwiebel glasig dünsten. Die Zwiebel mit 20 Gramm gehackter, glatter Petersilie und je fünf Gramm gehacktem Koriandergrün und Minze zusammen den Kichererbsen und dem Saft einer Zitrone ebenfalls unter den Reis heben.
500 Gramm Knollenfenchel längs halbieren und in feine Streifen hobeln und in sechs Esslöffel Rapsöl mit zwei Teelöffel Kümmel für 30 Minuten marinieren. Bei acht Aprikosen das Fruchtfleisch vom Stein lösen. Die Steine knacken und die Kerne herauslösen und mit weiteren sechs Esslöffel Aprikosenkernen in einer Pfanne ohne Fett rösten. Sechs Esslöffel Zucker in einem Topf schmelzen lassen, die geviertelten Aprikosen und fünf Esslöffel Wasser hinzugeben kurz schwenken mit einem Teelöffel Kreuzkümmel, einer kleinen getrockneten Chilischote und je einer Prise Nelkenpulver, Anis, Zimt, schwarzem Pfeffer und Muskat würzen und zur Seite stellen. Pfanne abermals erhitzen und Fenchel mit der Marinade goldbraun anbraten.
Mit Salz abschmecken, Fenchel mit den Aprikosen und den Aprikosenkernen mischen und auf dem Reis anrichten.
„Da krieg ich ja beim Lesen Appetit.“
„Ja, nicht wahr?“ Das Fräulein Tochter strahlt. „Die Aprikosen haben wir übrigens von Bruce bekommen. Sein alter Baum trägt ganz gut. Unserer dagegen sieht eher traurig aus.“ Jasmin deutet auf einen jungen Aprikosenbaum, der einige verdorrte Äste hat. Irgendwas machen wir falsch.“
„Das könnte Apoplexie sein. Die trifft oft Bäume zwischen dem dritten und dem siebenten Standjahr. Erste Anzeichen sind, wenn nach anfänglichem Austrieb die Blätter und Triebspitzen welken. Unterhalb der welken Partien tritt oft Gummifluss auf, weil die Leitungsbahnen verstopft sind. Fragt mal Pierre was zu tun ist. Der ist schließlich unser Gartenfachberater. Aber der Baum ist vermutlich hin.“

Gegrillte Weinblätter

Mein Fräulein Tochter Jasmin und ihr Philosophiestudent haben zur Grillparty in die gemeinsame Kleingartenparzelle geladen.
Ich bereitet zunächst eine Mischung aus einem halben Teelöffel Anis, je einem Teelöffel Zimt, Galgant, Muskatblüte und Kardamomsamen, je zwei Teelöffel Kurkuma, schwarzer Pfeffer, gemahlener Ingwer, Kubebenpfeffer, geriebene Muskatnuss, zwei Esslöffel Koriandersamen, drei Esslöffel Kreuzkümmel, zwei getrockneten Chilischoten, vier Pimentkörnern, acht Nelken und zwei Gramm Safranfäden. Wer nicht alle diese Gewürze zur Hand hat, kann beim Gewürzdealer seines Vertrauens auch nach der Mischung „Ras el Hanout“ fragen.
Von meinem Traubenwein Solaris hatte ich 30 große Weinblätter gepflückt und die Stiele entfernt.
Aus drei Esslöffeln Salz und anderthalb Litern Wasser koche ich eine Lake, füge einen Esslöffel Zucker und den Saft einer halben Zitrone hinzu, lege die gewaschenen Weinblätter in eine Glasschüssel und übergieße sie mit dem heißen Sud und stelle die Schüssel beiseite.
Dann koche ich 150 Gramm Quinoa mit einem Teelöffel Salz in 300 Milliliter Wasser.
Ich schäle eine mittelgroße Zwiebel, schneide feine Würfel und dünste diese in wenig Olivenöl bei mittlerer Hitze glasig. Dann hacke ich eine Tomate, zwei Knoblauchzehen und zwei Esslöffel Rosinen grob und gebe sie zur Zwiebel in die Pfanne. Ich schmecke mit zwei Teelöffel meiner Gewürzmischung und Salz ab, ziehe die Pfanne vom Herd, füge eine Hand voll gehackte, glatte Petersilie hinzu und verrühre alles mit dem gegarten Quinoa.
Dann fische ich die Weinblätter aus dem Sud und tupfe sie trocken.
Nun gebe ich auf jedes Weinblatt ein bis zwei Esslöffel von der Füllung, schlage die kurzen Seiten nach innen und rolle das Ganze auf und bepinsele die Rollen mit Olivenöl.
Als Dip verrühre ich 200 Gramm veganen Joghurt mit drei Esslöffel Tahin, je einem Esslöffel Zitronensaft und Olivenöl und einem Teelöffel Salz.
So gerüstet mache ich mich auf den Weg.
Vor der Parzelle meiner Tochter lungert Bruce herum.
„Du traust dich wohl nicht rein?“, frage ich.
„Die grillen doch nur Pflanzen“, nuschelt Bruce und äugt misstrauisch über den Zaun.
„Ja und?“
„Nein, ich mach nur Spaß. Ich warte nur noch auf Rapunzel und Pierre“, grinst Bruce.
„Was bringt ihr mit?“
„Rapunzel hat Babykarotten! Und ich Pilssuppe.“ Bruce stößt mit dem Fuß an einen Kasten Bier zu seinen Füßen.
„Und Pierre?“
„Zucchini, glaub ich.“
Meine Gartennachbarin Frau B. und ihr Mann Hans-Georg nähern sich.
„Ich höre die jungen Leute feiern?“ Frau B. hält eine Flasche Sekt hoch.
„Verspätete Parzelleneinweihung. Ging ja nicht eher, wegen der Seuche“, nicke ich.
„Apropos – haben wir Verluste zu beklagen?“, wendet sich Frau B. an Bruce.
Bruce Miene verfinstert sich. „Das darf ich dir gar nicht sagen, wegen Datenschutz.“
Frau B. zeigt sich unbeeindruckt. „Ich habe gehört, dass dein Vorpächter an Corona gestorben ist.“
„Kurtchen? Das war schon bei der ersten Welle im Altenheim.“
„Sonst niemand?“ Frau B. lässt nicht locker.
„Es gab schon einige Infektionen. Aber es sind alle wieder genesen, soweit ich weiß.“
„Na wir sind jedenfalls geimpft“, triumphiert Frau B. und schreitet Richtung Grill.

Erdbeer-Königskerzenblüten-Smoothie

„Wenn das eine Königskerze ist, dann sind das dort auch welche.“ Mein Fräulein Tochter Jasmin nimmt einen jungen Blütenstand zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand und deutet mit ihrer linken auf zahlreiche Blattrosetten.
„Gut“, lenkt ihr Freund ein und lässt sein Smartphone mit der Pflanzenbestimmungs-App sinken, “dann ist das eben kein dichtblütiges Wollkraut. Aber sind es nun kleinblütige Königskerzen, flockige Königskerzen oder filzige Königskerzen?“
„Die hier sind filzig.“ Das Fräulein Tochter streicht über die Blätter. „Also ist es eine filzige Königskerze. Oder doch kleinblütig?“, zweifelt sie.

Ich habe es mir im Hängestuhl im Garten meiner Tochter bequem gemacht und beobachte die beiden Naturforscher.
Am Zaun schlendert Pierre vorbei.
„He Pierre“, rufe ich, „was meinst du, dichtblütiges Wollkraut oder kleinblütige Königskerze.“
Pierre beschattet seine Augen mit der Hand, lässt seine Blicke schweifen und sagt: „Das ist doch
dasselbe, oder? Wie lautetet denn der botanische Name?“
Jasmin greift sich das Smartphone und liest: „Dichtblütiges Wollkraut – Verbascum densiflorum.
„Verbascum densiflorum ist die großblütige Königskerze, Wollkraut ist wohl nur ein anderer Name. Habt ihr da hinten auch Nachtkerzen?“
„Ja“, strahlt das Fräulein Tochter.
„Mhm“, pflichtet ihr Freund bei, “ist wie Weihnachten hier, überall Kerzen.“
„Dann passt mal schön auf, dass noch genügend Platz für Obst und Gemüse bleibt.“
„Wieso mindestens die Nachtkerzen sind Anbau und die Königskerzen zählen als Kräuter“, grinst Jasmin listig.
„Aber nicht, wenn der halbe Garten damit voll steht“, brummt Pierre, „und überhaupt, wieso ist die Nachtkerze Anbau?“
„Wir wollen die Wurzel als Gemüse essen“, klärt Jasmins Freund auf. „Die heißen auch Schinkenwurzel und werden wie Schwarzwurzel zubereitet.“
„Und ihr wollt Schinkenwurzel essen?“, fragt Pierre misstrauisch, „ich denke ihr seid Veganer?“
Jasmin stöhnt: „Nicht du auch noch, Pierre. Wir müssen uns hier schon genug dumme Sprüche anhören.“
„Dumme Sprüche?“, frage ich unschuldig.
„Mama, du weißt doch: Veganer essen meinem Essen das Essen weg. Essen Veganer Fleischtomaten? Wenn ihr Veganer seid, warum habt ihr nur so eine kleine Wiese?“
„Wiese? Versteh ich nicht“, wundert sich Pierre.
„Na Veganer essen doch nur Gras und Steine.“ Jasmin zwinkert Pierre versöhnlich zu.
„Ich sehe ja, dass ihr genügend Gemüseanbau im Garten habt. Kürbis, Mais, Bohnen, Salat. Nur das hier vorn, wo ihr Kaiserkrone dran geschrieben habt, das ist eine Kartoffel.“
„Nee, das ist schon richtig so, die Kartoffelsorte heißt Kaiserkrone.“
„Oh, wieder was gelernt. Na dann!“ Pierre wendet sich zum Gehen.
„Ihr zwei“, übernehme ich das Kommando, „könnt schon mal ein halbes Kilo Erdbeeren, ein paar Königskerzenblüten und einige Blätter Zitronenmelisse pflücken. Da mache ich uns einen schönen Smoothie draus. Wenn irgendwo schon ein paar Taglilien blühen, könnt ihr auch noch drei bis vier Blüten bringen.“
„Taglilienblüten?“, freut sich Jasmin, „dann zählen die ja auch zum Anbau.“

Spinat-Rucola-Rührtofu-Wrap

„Ach ist das schön grün“, quäkt es aus meinem Smartphone.
„Bei mir auch.“
„Bei mir auch.“
„Bei mir – upps Entschuldigung, das war keine Absicht“, höre ich mein Fräulein Tochter. Das satte Blattgrün schwindet kurz von meinem Display. Ich sehe Jasmins Handfläche und höre sie sagen: „Ich habe nämlich hier“, sie schwenkt die Kamera zu einem kleinen Holzgestell auf ihrer Küchenarbeitsfläche, „eine Staffelei für mein Telefon gebastelt, die offenbar nicht stabil genug ist. Ihr solltet eigentlich mich und die Arbeitsplatte sehen und nicht den Inhalt der Spinatschüssel.“
Mein Fräulein Tochter hatte vor ein paar Tagen angeboten, via Konferenz-App mit uns gemeinsam zu kochen. Dazu stellte sie die Anmeldedaten und die Zutatenliste auf unsere Vereinswebseite und nun waren außer mir und meiner Tochter auch Rapunzel, meine Gartennachbarin Frau B. und zwei weitere Gärtnerinnen angemeldet.
Jede von uns hatte bereits vor unserer Konferenz 125 Milliliter lauwarmes Wasser, einen Esslöffel Olivenöl und je einen Teelöffel Zucker, Trockenhefe und Salz gemischt und vorsichtig 250 Gramm Mehl (Type 405) dazu gerührt, den Teig kurz geknetet, eine Stunde zugedeckt ruhen gelassen, dann dünn ausgerollt und in einer großen, beschichteten Pfanne ohne Fett zu Fladen ausgebacken. Die Fladen sind fertig, wenn auf beiden Seiten leichte hellbraune Flecken entstanden sind und werden in der Backröhre warm gehalten.
Nun schälen wir je eine kleine Zwiebel und eine Knoblauchzehe. „Die Zwiebel in feine Würfel schneiden und mit zwei Teelöffeln Margarine anrösten. Dazu 120 Gramm frischen Spinat leicht zusammenfallen lassen, den gepressten Knoblauch zugeben und mit 1 Esslöffel Hafersahne andicken lassen“, ordnet das Fräulein Tochter an.
Eine weitere Zwiebel wird geschält und gewürfelt. Dann eine große Tomate und eine halbe Blockpaprika waschen, putzen und hacken. „Jetzt müsst ihr 3 Esslöffel Rapsöl stark erhitzen und 250 Gramm mit einer Gabel zerdrückten Tofu darin goldbraun anrösten“, höre ich das Fräulein Tochter, die immer die nebenbei Zutaten in die Kamera hält. „Nun geben wir den gehackten Paprika, einen Teelöffel Kurkuma und zwei Teelöffel Currypulver dazu, braten kurz weiter, löschen mit zwei Esslöffel Sojasoße ab, fügen die Tomatenwürfel und 2 Esslöffel Hafersahne hinzu und schmecken mit Pfeffer und Kala-Namak-Salz ab. Einkochen lassen dann runter vom Feuer, zwei Esslöffel Schnittlauchröllchen unterrühren und warm stellen. Wenn ihr das habt, werden 50 Gramm Rucola gewaschen und trocken geschleudert. Danach auf den Fladen Spinat verstreichen, in der Mitte Rührtofu verteilen und etwas Rucola darauf legen, die Fladen links, rechts und unten umklappen, leicht andrücken und aufrollen. Die Teigrolle mit frischem Rucola anrichten, guten Appetit.“
„Ich denke, du magst gar keinen Tofu“, motzt Frau B. aus dem Off und schwenkt anklagend ihre Kamera auf ihren Gatten, der den Rührtofu aus der Pfanne löffelt. „Schmeckt wie Rührei“, kommentiert dieser und hält anerkennend den abgeschleckten Löffel hoch.