Korona-Torte

„Ich will mich bei Pierre für die Türschlossreparatur bedanken.“

Rapunzel steht an meinem Zaun und hält einen Tortenbehälter hoch. Meine Gartennachbarin Frau B. reckt sich und ruft: „Hat hier jemand Torte gesagt?“

Rapunzel und ich im Chor: “ Nein!“

Frau B. beäugt misstrauisch die Tortenglocke. „Erdbeeren? Eigene Ernte?“

„Natürlich!“ Rapunzel ist entrüstet.

„Ich wollte euch fragen, ob ihr mit zu Pierre rüber kommt. Allein kriegen wir den Kuchen ja nicht alle.“

„Ist der vegan“, frage ich und Frau B.: „Hast du die Erdbeeren gut gewaschen?“

„Ja und ja“, seufzt Rapunzel. „Kommt ihr jetzt?“

„Bei einer Pandemie kann man nicht vorsichtig genug sein“, schnarrt Frau B. „Andererseits: Es gibt Kuchen. Hans-Georg? Kommst du mit?“

Rapunzel seufzt abermals und klärt mich beim Gehen über die Entstehung der Erdbeertorte auf.

„Ich mischte für den Boden 180 Gramm Dinkelmehl Type 630, 100 Gramm Zucker, eine Messerspitze Salz, einen halben Teelöffel Vanillezucker und einen Teelöffel Backpulver mit 80 Milliliter Rapsöl und einen Viertelliter kohlensäurehaltigem Mineralwasser. Dann goss ich den Teig in eine gefettete Backform und buk den Boden bei 200 °C auf mittlerer Schiene zirka 15 Minuten.
Währenddessen kochte ich aus zwei Esslöffeln Speisestärke, einem Esslöffel Vanillezucker und 300 Millilitern Mandelmilch einen Pudding und lies diesen abkühlen.
Dann verteilte ich den Pudding auf dem Boden und gab 800 Gramm geputzte und gewaschene Erdbeeren hinein. Ich hab die ganze Zeit mit Handschuhen und Atemschutzmaske gearbeitet.“

„Hört, hört“, schnauft Frau B. und öffnet Pierres Gartenpforte.

Pierre kommt aus seinem Gewächshaus, in der Hand einen Tomatensämling.

„Was verschafft mir die Ehre?“

„Ich wollte mich nochmal für die Türschlossreparatur bedanken“, sagt Rapunzel mit schönstem Augenaufschlag.

„Hier entlang.“ Pierre deutet auf seine Sitzecke. Das Ehepaar B. beginnt sofort, die Stühle in respektable Abstände zu rücken. Hans-Georg hat sich eine Meterleiste von Pierres Holzsteckkompostrahmen geangelt und nutzt sie als Behelfsmaß.

Rapunzel streift sich Handschuhe und eine Mundnasemaske über, öffnet die Tortenglocke und schaufelt die Kuchenstücke auf Teller, die sie aus ihrem Rucksack holt. Dann verteilt sie Kuchengabeln und gießt Kaffee aus der Thermoskanne in ebenfalls mitgebrachte Tassen.

Wir essen.

Plötzlich kommen mein Fräulein Tochter und ihr Philosophiestudent Arm in Arm den Gartenweg heruntergeschlendert.

„Na guck mal“, kommentiert Pierre, “die Liebe in Zeiten der Corona.“

Die beiden gesellen sich zu uns. Hans Georg und Pierre rücken noch zwei Klappstühle in Sicherheitsabstand. Rapunzel verteilt zwei weitere Portionen.

„Man kann’s auch übertreiben sagt Jasmin und zeigt auf Rapunzels Atemmaske.“

„Sicher ist sich“ nuschelt Rapunzel durch den Stoff.

„Die Erdbeeren schmecken prima“, wirft Pierre ein, „welche Sorte ist das?“

Rapunzel zieht sich die Schutzmaske unters Kinn und grinst: „Korona.“

„Was?“ Frau B. stellt ihren Teller hin.

„Nur keine Angst“, lacht Rapunzel schallend, „die werden mit K geschrieben.“

Kandierte Gänseblümchen

Ich stehe mit meinem Fräulein Tochter Jasmin in der Küche ihrer Wohngemeinschaft und rühre Zuckersirup. Mit 100 Milliliter Wasser hatte ich 125 Gramm Rohrohrzucker aufgelöst und kurz köcheln lassen. Nun rühre ich den langsam erkaltenden Sirup. Jasmin wusch derweil Gänseblümchen mit kaltem Wasser und legte sie auf ein Leinentuch zum Trocknen.

„Sieht hübsch aus“, stellt sie fest und zupft die Blüten zu einem Ring.

Mein Telefon klingelt und Bruce ist dran.

„Hör mal, Karo“, druckst er herum, „würdest du, ähm dürfte ich …“

„Was“, frage ich streng.

„Ich möchte dich gern als Schlichterin vorschlagen.“

Das Fräulein Tochter macht lange Ohren. Ich stelle das Telefon auf Lautsprecher.

„Jasmin hört mit“, sage ich.

„Hallo Holger“, flötet das Fräulein Tochter. Wir grinsen, als wir merken wie seltsam es sich anhört, wenn Bruce nicht mit seinem Spitznamen angesprochen wird.

„Hallo Jasmin“, krächzt es aus dem Lautsprecher.

„Also was sagst du?“

Jasmin stupst mich an und nickt theatralisch.

„Ach ich weiß nicht, was müsste ich da denn …?“

Das Fräulein Tochter schlägt sich die flache Hand vor die Stirn.

„Nuuun“, Bruce atmet hörbar, „wenn sich mal zwei Gärtner über irgendwas nicht einigen können, dann könntest du – ähm vermitteln.“

„Aber das mach ich doch schon. Zum Beispiel bei Hans-Georg und dem Neuen mit der LKW-Plane.“

„Weiß ich doch, aber wenn die Mitgliederversammlung dich als Schlichterin gewählt hat, dann machst du es offiziell.“

„Mhm, offiziell hört sich nach Verpflichtung an.“

„Sie macht es“, ruft Jasmin dazwischen.

„Also das möchte ich schon von deiner Mutter …“ Im Lautsprecher raschelt es.

„Bist du noch dran? Na gut, schlag mich halt vor.“ Rascheln und Knarzen.

„Das freut mich. Ich hätte da auch schon die erste Schlichtung.“

„Ich bin doch noch gar nicht gewählt.“

„Aber in drei Wochen wirst du gewählt sein. Bis dahin sollte der vorliegende Fall nicht weiter eskalieren.“

Ich bereue meine Zusage und frage tapfer: „Um welchen Fall handelt es sich denn?“

Das Fräulein Tochter simuliert lautlos einen Lachanfall.

„Na um Hans-Georg und den Neuen mit der LKW-Plane.“

Jasmin prustet los.

„Was ist denn mit den beiden schon wieder“, frage ich.

„Du weißt doch noch, wie die Parzelle des Neuen aussah, als der Wind die LKW-Plane verschoben hatte?“

„Ja, als wäre ein Heißluftballon notgelandet.“

„Der Neue behauptet, Hans-Georg hätte die Leinen der Plane gelockert. Also Danke für deine Kandidatur Karo, wir sehen uns spätestens zur Mitgliederversammlung.“ Bruce legt auf.

„Meine Mama kandidiert“, fasst Jasmin feierlich zusammen.

„Ja, ja“, wehre ich ab, “jetzt lass uns hier erstmal kandieren.

Wir tauchen die Gänseblümchen vorsichtig in den Sirup. Dann befestigen wir die Blütenstängel an einem Bindfaden und hängen die Blümchen über Backpapier zum Trocknen auf.

„Das ist ja eine schöne Schmiererei.“ Jasmin schleckt sich ihre Finger sauber. „Wie lange brauchen die jetzt?“

„Morgen tauchst du sie noch einmal, nach zwei Tagen streust du vorsichtig Rohrohrzucker drüber und dann nochmal für weitere vier Tagen aufhängen.“

Grünkohl-Kartoffel-Auflauf mit Roter Bete, Sonnenblumenkernen und Erdnussguss

„Das gruselige Ding steht ja immer noch hier rum.“ Bruce schnappt sich den Halloween-Kürbis und trägt ihn aus dem Vereinsheim. Rapunzel, meine Gartennachbarin Frau B. und ich folgen ihm neugierig.

„Das ist nur, damit das neue Jahr genauso furchtbar anfängt, wie das alte aufgehört hat“, kommentiert Frau B. und schaut grimmig drein.

„Das neue Jahr soll NICHT genauso furchtbar anfangen, deshalb steht der Kürbis noch hier“, korrigiert Rapunzel.

„Euer altes Jahr war furchtbar?“ Bruce nimmt die Kerzenreste aus dem Kürbis und stellt ihn auf einen Stubben zwischen wilden Rosen. Dann schüttet er aus einem Eimer Vogelfutter hinein.

„Naja, erst der Hagelschaden im Frühjahr, dann die ewige Hitze, die Kartoffelkäferinvasion und dann ist auch noch Kojak gestorben“ sagt Rapunzel mit Trauermiene.

„Unser Kojak?“ Frau B. guckt ungläubig. Der wohnt doch bei uns nebenan.

„Wohnte“, sagt Bruce und nickt betrübt.

„Sein Auto steht noch an der Straße“, Hans-Georg B. blickt Hilfe suchend zu seiner Frau.

„Der war doch noch gar nicht so alt.“

„Knapp über 70“, bestätigt Bruce und fügt hinzu: „Ist schon beerdigt, alles im kleinen Kreis.“

Rapunzel stochert mit dem Fuß im Gebüsch unter dem Kürbis. „Iiiih – das hier müssen wir auch beerdigen.“ Sie schiebt mit der Fußspitze einen kleinen Kadaver aus der Grasnabe.

„Ist das eine tote Ratte?“

Bruce bückt sich.

„Nee, ein toter Maulwurf.“

Frau B. lädt uns ins Vereinsheim. „Lasst uns ein letztes Mal auf Kojak anstoßen.“
Sie füllt die Gläser mit alkoholfreiem Sekt. „Was anderes ist nicht da.“

„Da muss doch noch“, Bruce kramt im Schrank hinter der Theke. Er fördert einige Packungen Sonnenblumenkerne und gesalzene Erdnüsse zutage. „Mindestens haltbar bis Juli 2015“, liest er vor, „wann haben wir hier eigentlich zum letzten Mal Inventur gemacht?“

„Die sind bestimmt noch gut“, sage ich und öffne eine Tüte Erdnüsse.

„Lebensmittel sind wertvoll“, grinst Frau B.

Ich könnte einen Leichenschmaus richten“, schlage ich vor.

„Für den Maulwurf?“, fragt Rapunzel.

„Unsinn für Kojak.“

Ich hole aus meinem Garten Kartoffeln, Grünkohl und Rote Beete.
Nach 20 Minuten sind 600 Gramm Pellkartoffeln fertig. Unterdessen putzte ich 800 Gramm Grünkohl und schälte 200 Gramm Rote Bete und schnitt alles in Scheiben und mundgerechte Happen. Ich fette eine große Auflaufform. Die gepellten und in Scheiben geschnittenen Kartoffeln werden nun abwechselnd mit Grünkohl und Roter Bete eingeschichtet. Zu guter Letzt streue ich 5 Esslöffel Sonnenblumenkerne drüber und mixe gesalzene Erdnüsse mit Sonnenblumenöl und Wasser zu einem Guss, den ich über das Gemüse träufele. Muskat und Pfeffer aus der Mühle darüber streuen und bei 200 Grad Celsius Umluft für 20 Minuten in den Backofen schieben.

Wir essen.

Rapunzel sieht aus dem Fenster. Vor dem Vereinsheim versammeln sich Rabenkrähen.
„Ich glaube, immer wenn einer gestorben ist, dann kommen die Krähen“ sinnt Rapunzel.

„Quatsch“, Frau B. schüttelt ihren Kopf.

Wir sind alle ans Fenster getreten. Eine Krähe schnappt sich den Maulwurfkadaver und hüpft davon.

„Beerdigen.“ Bruce winkt ab.

Märchenhafter Mohnkloß

„Das nenne ich mal nachhaltig“ sagt Bruce und klopft auf den ausgehöhlten Kürbis in dessen Innerem Kerzen flackern, „Halloween ist doch lange vorbei.“

Die Tür des Vereinsheims fliegt auf und Pierre stürmt herein. „Braucht ihr Mohn?“

„Mohn? Ist das nicht verbo-„

Pierre unterbricht Frau B.: “Das ist morphinarmer Backmohn.“

Rapunzel tritt ein.

„Pierre verstößt gegen das Betäubungsmittelgesetz“, stichelt Frau B. und Rapunzel sieht sich mit großen Augen um.

„Wollten wir nicht heute Märchenstunde?“

„Die hat schon angefangen“, murrt Pierre.

„Ich könnte 250 Gramm Backmohn brauchen“, flüstere ich. Pierre schiebt mir eine Papiertüte zu.

„Könnt ihr eure kriminellen Machenschaften nicht woanders abwickeln“, frotzelt Frau B. weiter.

„Morphinarmer Wirtschaftsmohn ist erlaubt“, sagt Bruce. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: “Wenn er nicht grad vorn am Gartenzaun steht.“

„Das nenne ich mal klar geregelt“, prustet Frau B. los.

Paul und sein Freund Moritz kommen zur Märchenstunde. Rapunzel hat sich mit einem alten Bettlaken hinter dem Tresen verkrochen. Wir warten, doch da keine weiteren Kinder eintreffen, rückt Frau B. ihre Brille zurecht und beginnt vorzulesen.

„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien.“

„Wie bei uns, was Karo?“ unterbricht Frau B.

Moritz kräht dazwischen: “Das kenn ich schon.“

„Ach so?“ Frau B. sieht über den Rand ihrer Brille. „Dann weißt du bestimmt, wie es weitergeht.“

Moritz holt tief Luft: „Die Prinzessin geht immer zu einem Brunnen im Wald und spielt dort mit einer goldenen Kugel. Dann fällt die Kugel in den Brunnen und ein Frosch holt sie wieder herauf. Zum Schluss wirft die Königstochter den Frosch an die Wand und er wird zu einem Prinzen.“

„Gut, das hätten wir dann“, murmelt Frau B. und blättert weiter.

„Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen.“

Zufrieden bemerken wir, dass die Kinder dieses Märchen offenbar nicht kennen. An der Stelle als der Küster sich auf dem Glockenturm als Gespenst verkleidet hat, erhebt sich am Tresen hinter Frau B. Rapunzel mit dem übergehängten Bettlaken. Die Kinder bemerken sie zunächst gar nicht. Doch dann schreit Moritz aufgeregt: „Ein Gespenst, ein Gespenst!“

Frau B. dreht sich sehr langsam um. „Wenn wir jetzt ein Stück Mohnkuchen zur Beruhigung hätten.“

Rapunzel kichert und zieht das Laken ab. Wir lachen und Frau B. liest weiter.
Am folgenden Tag überbrühe ich 250 Gramm gemahlenen Mohn mit 250 Milliliter Zuckerwasser, bis ein geschmeidiger Teig entsteht. Je 50 Gramm Rosinen, gehackte Nüsse und 15 Gramm Zitronat setze ich in lauwarmen Wasser mit ein wenig Rumaroma zum Quellen an und hebe sie unter die Mohnmasse. Dann lege ich eine Schüssel mit Weißbrotscheiben oder Zwieback aus, darauf gebe ich eine Lage Mohnmasse. Dann wiederum eine Lage Weißbrot oder Zwieback, bis die Schüssel ganz gefüllt ist. Die oberste Lage ist Mohnmasse und wird nach dem Kaltstellen mit gehackten Mandeln garniert.

Mohnkloß_klein

Getrocknetes Suppengemüse

Rapunzel, die alle so nennen, weil in ihrem Garten überall Feldsalat wächst, meine Gartennachbarin Frau B. und ich sind im Vereinsheim verabredet. Wir wollen gemeinsam einen Vorrat Suppengemüse anlegen.

Rapunzel stapelt zwanzig Halbliter-Bügelgläser auf den Tresen.

Vor zwei Tagen hatten wir 20 Stangen Porree, fünf Kilogramm Möhren, 20 Petersilienwurzeln sowie 10 kleine Sellerieknollen mit Blättern zusammengetragen. Die Möhren, die Petersilienwurzeln und die Sellerieknollen schälten wir und schnitten sie in dünne Stifte. Die zarten Sellerieblätter wurden gewaschen und trocken geschleudert, nachdem wir die Stielansätze herausgeschnitten hatten. Vom Lauch entfernten wir die äußeren Blätter und die Wurzelansätze. Dann schnitten wir ihn in feine Streifen. In einem großen Topf mit Salzwasser blanchierten wir das Gemüse, schreckten es in Eiswasser ab und tupften alles mit Küchenpapier trocken. Danach breiteten wir die Gemüseteilchen auf weißen Baumwollbetttüchern aus.

Nun war das Gemüse vorgedarrt und wir bestücken die Bleche unseres Backofens. Bei 50 °C wird der Trockenvorgang mit gelegentlichem Wenden der Gemüsestückchen fortgesetzt.

Derweil planen wir unseren Märchenabend. Einige Mütter hatten die Idee, Anfang Dezember für die Kinder der Gartenfreunde eine Märchenvorlesung zu organisieren – sicher auch mit dem Hintergedanken, den Eltern einen freien Abend für ungestörte Weihnachtsfestvorbereitungen zu verschaffen.
Rapunzel war für dieses Vorhaben sofort Feuer und Flamme  und überredete Frau B. und mich zur Mithilfe.

Zunächst gilt es geeignete Märchen auszuwählen.

„Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“, schlage ich vor.

„Die Bremer Stadtmusikanten“, sagt Rapunzel.

„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“, fügt Frau B. mit finsterer Miene hinzu.

Die Tür des Vereinsheims fliegt auf und mein Fräulein Tochter und ihr Freund treten ein.

„Was guckt ihr so erschrocken“, fragt der vollbärtige Philosophiestudent mit dem Männerdutt, „habt ihr ein schlechtes Gewissen wegen der Energieverschwendung?“ Er deutet auf den Backofen, an dem Rapunzel grade neue Bleche einschiebt.

„Müsst ihr nicht zu irgendeiner Klimademonstration?“, fragt Frau B. spitz.

„Da waren wir grade.“ Das Fräulein Tochter winkt ab.

„Wir bereiten einen Märchenabend für die Vereinskinder vor“, erklärt Rapunzel.

„Und trocknen Suppengemüse“, füge ich hinzu.

„Riecht gut“, stellt das Fräulein Tochter fest.

„Nee, im Ernst, wollt ihr es nicht mal mit einer Sonnendarre versuchen? Ich besorge euch einen Bauplan“, bietet der Philosophiestudent an.

„Die könntet ihr auch mit den Kindern bauen“, ergänzt das Fräulein Tochter.

„Wir erzählen den Kindern jetzt erstmal Märchen“, sagt Frau B. bestimmt.

„Bring den Plan ruhig mal mit“, lenke ich ein.

„Eine bessere Darre als unser altes Vereinsheim gibt es nicht“, nörgelt Frau B. weiter.

„Die Sonnendarre bauen wir nächstes Jahr, heute mischen wir Lorbeerblätter und Pfefferkörner unter das trockene Gemüse.“ Rapunzel hält die Gewürztüten hoch.

Jahrestag & Jahresdank

Liebe Leserinnen und Leser,

schon wieder ist ein Jahr vergangen und wenn es die automatische Benachrichtigung von WordPress nicht gäbe, dann hätte ich dieses Jubiläum glatt verpasst.

So starten wir ins fünfte Jahr. Ich hoffe alle habe weiterhin viel Spaß an den Gartengeschichten und natürlich auch an den Rezepten.

Vielen Dank für Eure Treue.

Vielen Dank für Eure Likes.

Vielen Dank für Eure Kommentare.

Feierliche Grüße aus dem herbstlichen Garten.

Herbstlaub_Wilder_Wein

 

Schwarzer Knoblauch

„Was riecht denn bei Dir so?“ Kojak schnüffelt hörbar in Richtung meiner Laube. „Das müffelt hier schon seit Tagen.“

„Dir entgeht wirklich nichts“, antworte ich mit unschuldigem Augenaufschlag.

„Wird das eine Spritzbrühe gegen Blattläuse?“

„Nein, wenn es fertig ist, kannst du ja mal kosten kommen.“

Kojak verzieht sein Gesicht. „Riecht nicht sehr lecker.“

„Wenn es fertig ist, schmeckt es super.“

„Wann wird das sein?“

Ich überlege.

Vor fünfeinhalb Wochen hatten mein Fräulein Tochter, Rapunzel und meine Gartennachbarin Frau B. den Einkochautomaten vom Verein ausgeliehen und in meine Laube geschleppt. Wir putzten von den äußeren Schalen unserer frischesten und größten Knoblauchknollen grade so viel, dass keine Erdanhaftungen mehr daran waren. Die Wurzeln entfernten wir und die Stiele kürzten wir auf zirka 1,5 Zentimeter. Dann stapelten wir die Knollen in einen Einsatztopf. Diesen verschlossen wir dicht mit Aluminiumfolie, damit der Knoblauch nicht austrocknet. Dann stellten wir den Einsatz in den Einweckautomaten und programmierten das Gerät auf dauerhaft 60 °C.

„Vielleicht morgen oder übermorgen.“

Kojak sieht mich misstrauisch an. „Und solange riecht das hier, wie es riecht?“

Ich zucke mit meinen Achseln.

Kojak zieht ab.

Kaum ist er fort, taucht mein Fräulein Tochter am Gartenzaun auf.

„Mama, wir schreiben Tag vierzig der Knoblauchzeitrechnung“, spricht sie und nickt wichtig.

„Ist das schon heute?“, frage ich.

Sie hält ihr Telefon hoch, auf dessen Display die Kalenderfunktion prangt.

„Hm, dann schalte ich mal aus.“

Wir gehen zur Laube. Auch meine Gartennachbar Frau B. kommt herüber und fragt: „Ist das Zeug jetzt fertig fermentiert?“

„Eigentlich ist das keine richtige Fermentation“, doziert das Fräulein Tochter, „denn wir haben ja nichts gären lassen und auch keine Enzyme verwendet. Vielmehr handelt es sich um die sogenannte Maillard-Reaktion, bei der, vereinfacht ausgedrückt, Aminosäuren, Proteine und Peptide unter Einwirkung von Hitze zu neuen Verbindungen umgewandelt werden.“

Frau B. und ich sehen das Fräulein Tochter staunend an.

Frau B. fragt trocken: „Sag mal, Jasmin, was macht eigentlich dein Freund?“

„Der hätte das jetzt auch nicht besser erklären können“, schmollt Jasmin.

„Eben!“ Frau B. lacht.

Nachdem der Knoblauch abgekühlt ist, entfernen wir die Alufolie und teilen die Knollen auf. „Vergesst nicht für Rapunzel eine volle Schüssel bei Seite zu stellen“, erinnert uns Frau B.“ und für Pierre, der hat auch mindestens sechs Knollen beigesteuert.“

Ich zerbreche eine Knolle, entferne die Schale und zerdrücke die schwarzen Knoblauchzehen. Wir streichen die Paste auf Weißbrot.

„Hm, schmeckt wie Schokolade“ schmatzt das Fräulein Tochter.

„Eher wie Lakritze“, wende ich ein.

„Schokolade, Lakritze – ich schmecke hier Pflaumenkompott mit einem Hauch Balsamico.“ Frau B. sieht uns herausfordernd an.

„Hauptsache mein Atem riecht hinterher nicht wie bei frischen Knoblauch“, sage ich.

„Da kannst du beruhigt sein, Mama“, sagt Jasmin und beißt in die nächste Schnitte.

Quiche mit grünem Spargel

Ich sitze vor unserem Vereinsheim und schlürfe einen Kaffee. Mein Gartennachbar Holger, den alle nur Bruce nennen, weil er ein bisschen wie Bruce Willis aussieht, kommt mit einem Plakat vorbei.

Darauf steht: „Nächstes Wochenende großer Frühjahrsputz!“

Ich frage: „Bist du damit nicht etwas spät dran?“

„Unsinn, das habe ich grade da hinten abgemacht.“ Bruce zeigt auf das andere Ende unserer Gartenanlage, an dem sich eine zweite Informationstafel befindet. Dann macht er sich daran das schwarze Brett am Vereinsheim neu zu bestücken. Er rückt einen Stuhl an die Tafel heran, schnappt sich die Plakatrolle, klettert auf den Stuhl zieht einen Tacker aus der Hosentasche und befestigt eine Ecke des Posters.

„Mist!“, höre ich ihn fluchen.
Bruce tänzelt auf dem Stuhl. Der Wind frischt auf und legt das Plakat um Bruce.
„Mist! Mist! Karo?“

„Ja?“ Ich schlendere hinüber.

„Kannst du das hier mal halten?“

Ich streiche das Plakat glatt und drücke es mit beiden Händen ans schwarze Brett. Bruce betrachtet seinen Tacker.

„Das Ding ist verstopft.“ Bruce nestelt am Hosenlatz und zieht einen Phasenprüfer heraus und fummelt damit die verkeilten Drahtklammern aus dem Gerät.

„Großes Sommerfest!“ Lese ich derweil auf dem neuen Aushang. Bruce befestigt alle Ecken, setzt dann den Tacker am Foto unseres Vorsitzenden an und schießt eine Klammer kurz über dessen Scheitel.

„Zur Sicherheit“, grinst er.

Meine Gartennachbarin Frau B. und ihr Mann Hans-Georg gesellten sich zu uns.

„Oha, sauber getackerter Scheitel“ attestiert Hans-Georg.

„Habt ihr Streit?“ Frau B. sieht Bruce argwöhnisch an.

„Ach der alte Bollerkopp, ewig am Nörgeln. Nix kann man dem recht machen“, bricht es aus Bruce heraus.

„Du bist aber auch nicht der geborene Diplomat“, erinnere ich Bruce.

Hans Georg B. ergreift Partei. „Zur nächsten Wahl lasse ich mich auch in den Vorstand wählen. Dann helfe ich dir.“

„Du im Vorstand?“ Frau B. verdreht ihre Augen. „Soweit kommt‘s noch. Für drei Elefanten ist unser Porzellanladen nun wirklich zu klein.“

„Ich gebe jedem ein Stück Spargelquiche aus“, lenke ich ab.

„Spargel? Ist das nicht ein wenig spät?“ Frau B. beäugt mein Tortenblech.

„Nö, grüner Spargel – Anfang Juni, passt schon noch.“ Ich reiche das Backwerk herum.
Ein Teig aus 300 Gramm Weizenmehl verknetet mit 150 Gramm Margarine, 5 Esslöffel Wasser und einem halben Teelöffel Salz ruhte vorab 1,5 Stunden im Kühlschrank.

Ich schälte 600 Gramm grünen Spargel und kochte ihn zirka 5 Minuten, derweil eine gehäutete und gewürfelte Zwiebel in etwas Öl goldbraun briet.

Im auf 200 g vorgeheizten Backofen buk der in die Tortenform gedrückte und mit Backlinsen bedeckte Teig für 10 Minuten vor. Dann entfernte ich die Linsen und gab den Spargel, die Zwiebelwürfel sowie 100 Gramm halbierte Cocktailtomaten auf den Teig und übergoss das Gemüse mit einem Mix aus je 4 Esslöffeln Kichererbsenmehl und Weizenmehl, 60 Gramm Cashewkernen, 500 Millilitern Sojasahne, 2 Teelöffeln Senf, 2 Knoblauchzehen und einer Prise Muskat. Nach weiteren 30 Minuten im Backofen würzte ich den Quiche mit frisch gemahlenem Salz und Pfeffer.

Erdbeer-Chili-Gazpacho

„Na ein Glück, dass meine Tomaten noch nicht reif sind. Erdbeeren und Tomaten bäh.“

Meine Gartennachbarin Frau B. legt ihr Messer beiseite und schüttelt sich.

„Ich finde, dass hört sich interessant an“, widerspricht Rapunzel.

Wir sitzen in meinem Garten und putzen Erdbeeren. „Hast du Tomaten?“, fragt mich Rapunzel.

„Natürlich! Gekaufte.“ Ich hole eine Tüte mit Bio-Cocktailtomaten aus meiner Laube.

„Ach lass es uns versuchen. Nur wir drei.“

„Wenn es nicht schmeckt, löffelt ihr das allein aus“ murrt Frau B. und fragt: „Wie viele Erdbeeren brauchen wir denn?“

„250 Gramm“, sage ich.

„Hast Du eine Waage?“ Rapunzel späht in meine Laube.

„Nein, aber nimm mal bitte den Mixer heraus.“

„Waage, Waage“ echauffiert sich Frau B. „da nehmen wir eine große Tasse voll geschnittene Erdbeeren und dann passt das schon.“

„Und dreihundert Gramm Cocktailtomaten?“ Rapunzel stellt den Mixer auf meinen Gartentisch.

„Ungeschnitten? Anderthalb Tassen!“ Frau B. schüttet Erdbeeren und Tomaten in den Mixer.

Ich gebe eine Messerspitze Paprikapulver, zwei Messerspitzen Chilipulver, einen Esslöffel Rohrohrzucker und eine Prise Salz dazu. Während Rapunzel den Mixer anwirft, hole ich schnell eine Handvoll Schnittlauch.
Frau B. gießt den Fruchtmix in Schüsseln, ich schneide mit der Schere Schnittlauch darüber.
Rapunzel reißt ein Päckchen Zwieback auf. Wir löffeln und knuspern.

„Mhm!“ Rapunzel leckt sich die Lippen.

„Doch, kann man essen.“ Frau B. hebt lauschend ihren Kopf. „Was machen eigentlich die Männer.“

„Keine Ahnung! Wir haben sowieso nicht genug für alle.“ Rapunzel füllt sich ihre Schüssel nach.

„Mit Männern ist das wie bei Kindern, wenn zu lange Ruhe ist, dann hecken die was aus.“

„Kommt, wir gehen mal gucken“, Frau B. stemmt sich aus dem Gartenstuhl.

Ihr Mann Hans-Georg, Bruce, Kojak und Pierre hocken am Teich der Familie B. und lassen grade ein Modellboot zu Wasser.

„Ja hallo meine Herren“, eröffnet Frau B. unseren Kontrollbesuch. „Was soll denn das werden? Mein Teich, mein Boot, mein äh Flugobjekt?“ Frau B. deutet auf eine Drohne mit vier Rotoren.

„Meine Frau“ ergänzt Hans-Georg mit einladender Geste.

„Pah, wollt ihr dieses Ding hier herumfliegen lassen?“

„Die hat eine Kamera. Da können wir Luftaufnahmen von unseren Gärten machen.“ Kojak dreht die Kamera der Drohne zu uns.

„Ich brauch keine Luftaufnahmen“, knurrt meine Gartennachbarin. „Das ist bestimmt irgendwo verboten.“

„Dann fliegen wir eben nicht über eure Parzelle.“

„Über meine bitte auch nicht“, meldet sich Rapunzel und auch ich nicke zustimmend.

„Da habt ihr’s“, fasst Frau B. zusammen, “und mit dem Schiffchen da, stört ihr die Frösche und die Molche.“

„Dies ist verboten, jenes ist verboten, wir müssen endlich weg von dieser Verbotskultur“, beharrt Kojak und lässt die Drohne über den Teich schweben.

„Soll etwa jeder machen, was er will? Dann darf ich auch danach spritzen.“ Frau B. zückt ihre Gartenbrause.

Kojak sammelt sein Fluggerät ein, klemmt es sich unter den Arm und hält den anderen schützend darüber.

„Spielverderberin“, mault Hans-Georg.