Quiche mit grünem Spargel

Ich sitze vor unserem Vereinsheim und schlürfe einen Kaffee. Mein Gartennachbar Holger, den alle nur Bruce nennen, weil er ein bisschen wie Bruce Willis aussieht, kommt mit einem Plakat vorbei.

Darauf steht: „Nächstes Wochenende großer Frühjahrsputz!“

Ich frage: „Bist du damit nicht etwas spät dran?“

„Unsinn, das habe ich grade da hinten abgemacht.“ Bruce zeigt auf das andere Ende unserer Gartenanlage, an dem sich eine zweite Informationstafel befindet. Dann macht er sich daran das schwarze Brett am Vereinsheim neu zu bestücken. Er rückt einen Stuhl an die Tafel heran, schnappt sich die Plakatrolle, klettert auf den Stuhl zieht einen Tacker aus der Hosentasche und befestigt eine Ecke des Posters.

„Mist!“, höre ich ihn fluchen.
Bruce tänzelt auf dem Stuhl. Der Wind frischt auf und legt das Plakat um Bruce.
„Mist! Mist! Karo?“

„Ja?“ Ich schlendere hinüber.

„Kannst du das hier mal halten?“

Ich streiche das Plakat glatt und drücke es mit beiden Händen ans schwarze Brett. Bruce betrachtet seinen Tacker.

„Das Ding ist verstopft.“ Bruce nestelt am Hosenlatz und zieht einen Phasenprüfer heraus und fummelt damit die verkeilten Drahtklammern aus dem Gerät.

„Großes Sommerfest!“ Lese ich derweil auf dem neuen Aushang. Bruce befestigt alle Ecken, setzt dann den Tacker am Foto unseres Vorsitzenden an und schießt eine Klammer kurz über dessen Scheitel.

„Zur Sicherheit“, grinst er.

Meine Gartennachbarin Frau B. und ihr Mann Hans-Georg gesellten sich zu uns.

„Oha, sauber getackerter Scheitel“ attestiert Hans-Georg.

„Habt ihr Streit?“ Frau B. sieht Bruce argwöhnisch an.

„Ach der alte Bollerkopp, ewig am Nörgeln. Nix kann man dem recht machen“, bricht es aus Bruce heraus.

„Du bist aber auch nicht der geborene Diplomat“, erinnere ich Bruce.

Hans Georg B. ergreift Partei. „Zur nächsten Wahl lasse ich mich auch in den Vorstand wählen. Dann helfe ich dir.“

„Du im Vorstand?“ Frau B. verdreht ihre Augen. „Soweit kommt‘s noch. Für drei Elefanten ist unser Porzellanladen nun wirklich zu klein.“

„Ich gebe jedem ein Stück Spargelquiche aus“, lenke ich ab.

„Spargel? Ist das nicht ein wenig spät?“ Frau B. beäugt mein Tortenblech.

„Nö, grüner Spargel – Anfang Juni, passt schon noch.“ Ich reiche das Backwerk herum.
Ein Teig aus 300 Gramm Weizenmehl verknetet mit 150 Gramm Margarine, 5 Esslöffel Wasser und einem halben Teelöffel Salz ruhte vorab 1,5 Stunden im Kühlschrank.

Ich schälte 600 Gramm grünen Spargel und kochte ihn zirka 5 Minuten, derweil eine gehäutete und gewürfelte Zwiebel in etwas Öl goldbraun briet.

Im auf 200 g vorgeheizten Backofen buk der in die Tortenform gedrückte und mit Backlinsen bedeckte Teig für 10 Minuten vor. Dann entfernte ich die Linsen und gab den Spargel, die Zwiebelwürfel sowie 100 Gramm halbierte Cocktailtomaten auf den Teig und übergoss das Gemüse mit einem Mix aus je 4 Esslöffeln Kichererbsenmehl und Weizenmehl, 60 Gramm Cashewkernen, 500 Millilitern Sojasahne, 2 Teelöffeln Senf, 2 Knoblauchzehen und einer Prise Muskat. Nach weiteren 30 Minuten im Backofen würzte ich den Quiche mit frisch gemahlenem Salz und Pfeffer.

Spinatstrudel mit Kürbis

„Was ist denn da schon wieder los?“ Meine Gartennachbarin Frau B. beugt sich über ihren Kompost und späht über die rückwärtige Grenze unserer Gärten hinüber zum nächsten Vereinsweg. Vor der Parzelle eines sehr alten Gartenfreundes haben sich der alte Vorsitzende, Bruce, Pierre, Kojak und einige andere Kleingärtner eingefunden.

„Los Karo, wir gehen da auch mal rüber“, ordnet Frau B. an und ich folge neugierig.

Bruce und Kojak gestikulieren in Richtung des pittoresken Gartenhäuschens.

„Für die einen ist es ein historisches Bauwerk und für die anderen die wahrscheinlich längste Holzwurmfarm der Anlage“, höre ich Kojak sagen.

„Die Wertermittler haben der Bude eine Standzeitverlängerung von drei Jahren zugebilligt“, wendet Bruce ein.

Meine Gartennachbarin deutet auf die Parzelle und fragt: „Hat der etwa aufgehört?“
Pierre grinst: „So kann man das auch sagen.“

Bruce zeigt nach oben: „Der gärtnert nun woanders und wir werden hier jetzt erst mal aufräumen, bevor die Parzelle neu verpachtet wird.“

Wir betreten den leicht verwahrlosten Garten. Bruce öffnet das Gartenhaus. Die Männer beginnen, die Einrichtungsgegenstände zu sortieren. „Seht mal, was ich gefunden habe!“ Kojak wuchtet einen Plastiksack aus dem Abstellraum.

„VEB Leuna-Werke Walter Ulbricht“, liest Pierre vor. „Hier ist noch mehr.“ Bruce nimmt eine Halbliterflasche mit Bi 58 aus einem Regal.

VEB_Leuna_Werke

Es folgen ein Blechkanister mit der Aufschrift: „Holzschutz – bienengefährlich“ und mehrere Säcke mit verblichenen Etiketten.

„Das wird ein Fall für die Schadstoffannahmestelle“, brummt Bruce.
Frau B. und ich sehen uns im Garten um.

„Na, brauchst Du Spinat?“ Meine Gartennachbarin deutet auf ein sehr großes Beet mit Spinatpflanzen, die ganz offensichtlich gut über den Winter gekommen waren. Ich deute auf die Chemikaliensammlung vor der Laube und sage: „Nicht aus diesem Garten.“

„Oder den hier“, Frau B. zeigt auf einen Hokkaidokürbis, der im oberen Mulm des Kompostbehälters halb versunken und offensichtlich nicht mehr zu gebrauchen ist.

Ich lehne ab. „Nee, lass mal, habe ich alles noch selbst. Aber gute Idee.“

Zu Hause bereite ich aus 250 Gramm Mehl, einer Prise Salz, einer Tasse Wasser und zwei Esslöffel Rapsöl einen Strudelteig und stelle ihn beiseite.

Für die Füllung gare ich 400 Gramm Hokkaidokürbisfleisch in 50 Milliliter Apfelsaft zirka fünf Minuten, quetsche es mit einer Gabel zu Püree und schmecke mit Pfeffer, Salz und Muskat ab. Eine Zwiebel und eine Knoblauchzehe schälen und hacken. 100 Gramm Räuchertofu mit einer Gabel zerdrücken und mit wenig Rapsöl in einer Pfanne goldgelb rösten. Dann die Zwiebel und die Knoblauchzehe mit braten. 250 Gramm Blattspinat klein schneiden, ebenfalls in die Pfanne geben und mit Pfeffer, Salz, Muskatnuss und Paprikapulver abschmecken.
Ich heize den Backofen auf 220 °C Ober- und Unterhitze vor und rolle den Strudelteig auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech aus. Zunächst die Kürbismasse aufstreichen, danach die Spinatfüllung darüber verteilen, den Strudel einrollen, mit zwei bis drei Esslöffel Sojasahne bestreichen und zirka 20 Minuten backen.

Blaue Gnocchi mit Salbei

Ein Vorteil der Kleingärtnerei ist, dass Nutzpflanzen angebaut werden können, die es im Handel selten oder gar nicht gibt. Mein Lieblingsbeispiel ist die Erdbeersorte „Mieze Schindler“, aber auch dünnschalige Tomatensorten wie die „Berner Rose“ oder blaue Kartoffeln sind sehr beliebt. Blaue Kartoffeln waren in Europa recht verbreitet, doch dann fiel die Wahl der Landwirte immer häufiger auf die robusteren und ertragreicheren hellen Sorten. Ich hatte im vergangenen Jahr die Sorten „Blaue St. Galler“ und „Blauer Schwede“ angebaut.

„Blaue Schweden“ sind mehlig kochend und eignen sich deshalb hervorragend für Gnocchi. Ich schälte ein Kilogramm Kartoffeln und koche sie in Salzwasser. Nach dem Auskühlen zerdrückte ich die Kartoffeln und vermengte sie mit 120 Gramm Mehl. Leider verlieren die „Blauen Schweden“ beim Kochen ein wenig von ihrer Farbe. Wer besonders blaue Gnocchi haben möchte, kann ein paar Tropfen Saft von Roter Beete zum Teig geben.

Ich knetete den Teig mit einer kräftigen Prise Muskatnuss vorsichtig, bis er nicht mehr klebte. Dann formte ich zirka zwei Zentimeter starke Rollen und schnitt diese in zwei Zentimeter lange Stücken. Die Teigteile drückte ich mit einer Gabel leicht ein und gab sie in kochendes Salzwasser. Als die Gnocchi an die Oberfläche kamen, nahm ich sie mit einer Schaumkelle heraus und gab sie in eine mit vier Esslöffeln Rapsöl und einer Handvoll Salbeiblätter vorbereitete Pfanne und schwenkte sie darin. Das heißt, ich wollte das tun, denn ich musste feststellen, dass ich keinen Salbei mehr im Haus hatte.

Ich packte die fertigen Gnocchi in einen Thermobehälter und machte mich auf den Weg in meinen Garten.

Wider Erwarten finde ich die Gartenanlage nicht winterlich verwaist vor. Meine Gartennachbarin Frau B. ist damit beschäftigt, Reisig an Ihrem Rosenbogen zu drapieren.

„Hallo Karo“, begrüßt sie mich, „ich vertu mal eben unseren Weihnachtsbaum.“

„Gib mir mal einen Faden“, fährt sie, an ihren Mann gewendet, fort.

Der fragt: „Spaten?“

„Der hört wieder schwer“, murmelt Frau B. und ruft lauter, „FADEN, ich brauche eine STRIPPE.“

Hans-Georg lugt hinter dem Gewächshaus vor und fragt: „Schippe? Ja was denn jetzt, Spaten oder Schippe?“

„Männer“, stöhnt Frau B., „zu nix zu gebrauchen aber zu allem fähig.“

„Halt mal!“ Sie drückt mir einen Tannenzweig in die Hand und stapft in Richtung ihrer Laube davon.

Nach ihrer Rückkehr binden wir gemeinsam das Reisig zwischen Rose und Clematis.

„Der hat heute Morgen das Gewächshaus ausgeschwefelt“, berichtet Frau B. mit einem leichten Nicken in Richtung ihres Mannes. „Das stinkt vielleicht, kann ich Dir sagen.“

„Wollen wir da noch mal mit Indianersalbei räuchern“, frage ich.

„Hast du welchen?“

Ich nicke. Wir nehmen jeweils ein Bündel getrockneten weißen Salbei und brennen es an. Als die ersten Flammen züngeln, schlagen wir sie mit einer schnellen Bewegung wieder aus und schwenken die rauchenden Reste durch Garten und Gewächshaus.

„Hm“, Frau B. schnuppert den würzigen Duft, „da kann die neue Saison ja kommen.“

Grüne Grütze, Rote Grütze

„Dort drüben.“ Mein Gartennachbar Hans-Georg B. gestikuliert, am Ufer seines Gartenteichs stehend, über den zirka sechs Quadratmeter großen Tümpel, als sei es ein Ozean. „Kommst du da ran? Da drüben ist noch was.“

Der Angesprochene ist der Freund von meinem Fräulein Tochter. Eigentlich studiert er Philosophie, aber im Augenblick müht er sich, die Entengrütze mit einem Laubbesen von der Wasseroberfläche zu fischen. Sorgfältig bugsiert er die Teichlinsen in einen großen Eimer mit frischem Wasser. Sein Bart ist zerzaust und sein Männerdutt ist, ob der konzentrierten Anstrengung, in Auflösung begriffen.

Das Fräulein Tochter sitzt mit mir und meiner Gartennachbarin Frau B. an meinem Gartentisch. Wir trinken Tee. Belustigt beobachten wir die Herren der Schöpfung.

„Na“, fragt Frau B., „was macht die essbare Stadt?“

Das Fräulein Tochter zückt sogleich ihr Smartphone und klärt uns über Wasserlinsen auf.

„In asiatischen Ländern wie Laos, Thailand und Kambodscha gehört die Wasserlinse zum Speiseplan. Das Wildkraut nimmt es beim Eiweißgehalt mit der Sojabohne auf und hat Omega-3-Fettsäuren wie sie auch in Leinöl vorkommen.“ Meine Tochter hält mir das Display hin.

Ich lese vor: „Allerdings reichern Wasserlinsen auch Schadstoffe, wie Radium, an.“

„Pfft“, macht das Fräulein Tochter, entzieht mir die Informationsquelle und scrollt weiter. „Hier steht aber auch, dass Entengrütze ein für den Menschen wertvolles Wildgemüse ist.“

„Wie schmeckt das denn?“, will Frau B. wissen.

„Wie grüner Salat.“

„Also mehr so nach nichts?“

„Das hat aber den Vorteil, dass Wasserlinsen in jede Geschmacksrichtung gewürzt werden können“, trotzt das Fräulein Tochter.

„Na, Hauptsache der Hans-Georg hat seinen Teich sauber.“ Frau B lehnt sich zurück.

„Jetzt haben die Goldfische wieder Licht in meinem Biotop“, ruft Hans-Georg vom Ufer herüber. Der Philosoph schüttelt seinen Kopf. „Ein Biotop wäre es vielleicht, wenn keine Fische drin wären. In stehenden Gewässern unter 60 Quadratmetern kommen in Deutschland natürlicherweise keine Fische vor. Die meisten Fischarten benötigen viel Sauerstoff und leben in Bächen und Flüssen oder in sauerstoffreichen Seen mit Wasseraustausch.“

Mein Gartennachbar winkt ab. „Die Fische fressen die Mückenlarven, damit uns die Mücken nicht fressen.“

„Immerhin haben wir eine gute Ernte.“ Der Philosoph schnappt sich den Eimer. „So kurz vor dem Winter enthält Entengrütze viel Stärke, denn alles was wir jetzt nicht erwischt haben sinkt zum Überwintern auf den Teichgrund.“

Die Grützefischer gesellen sich zu uns.

„Mal was anderes, Mutti“, druckst das Fräulein Tochter herum. „Unser Gefrierwürfel ist kaputtgegangen und ich hab jetzt ein Menge Beeren, die schnell verarbeitet werden müssen.“

„Marmelade!“ Brummt Frau B. und ich nicke.

„Oder du machst rote Grütze. Du rührst 25 g Stärke mit einer Tasse Wasser an. Dann zirka 250 g Beeren mit 50 g Rohrohrzucker und etwas Wasser zum Kochen bringen. Die Stärke einrühren und wenn die Masse eindickt, abkühlen lassen. Dazu eine schöne Vanillesauce.“

Papas Arrugadas con Mojo

„Och, nicht die schon wieder.“ Meine Gartennachbarin Frau B. zieht mich am Arm hinter den alten Holunderbusch an ihrer Laube. Mit eingezogenen Köpfen spähen wir hinüber zum Zaun. Auf dem Gartenweg schlendern der kleine Paul und sein Freund Moritz. Die Kinder lugen zwischen den Latten hindurch. Schon haben sie uns entdeckt.

„Können wir Käfer sammeln?“ rufen sie uns zu.

„Mist“, murmelt Frau B. und reckt sich. Wir treten aus der Deckung.

„Na – ihr -zwei“, sagt Frau B. betont langsam und streicht sich mit beiden Händen über ihre Schürze.

„Können wir Käfer sammeln?“, wiederholt Paul seine Frage.

Vor einigen Wochen hatte Frau B. es für eine gute Idee gehalten, die Kinder zum Absammeln von Kartoffelkäfern zu rufen. Die wenigen Käfer waren schnell in alten Speiseeisverpackungen verstaut. Doch die Kinder wollten mehr. Fortan sammelten sie alles, was nicht schnell genug davonflog oder wegkrabbelte.

„Hier – äh – gibt es keine Käfer“ lügt Frau B. und scharrt mit dem Fuß ein paar Feuerwanzen beiseite.

Die Kinder bleiben skeptisch. „Wir könnten ja nochmal nachschauen.“ ruft Moritz.

„In die Ecke Besen Besen“, wispere ich. Frau B. funkelt mich an und zischt: „Lästere nur. Ich schicke die gleich zu dir.“ Doch dann huscht ein spitzbübisches Grinsen über ihr Gesicht.

„Aber mal was anderes“, ruft sie den Kindern zu, „wollt ihr mir beim Kartoffeln ernten helfen?“

„Jaaa!“

Frau B. greift zur Grabegabel. Sie zieht das Kartoffelkraut, Paul und Moritz klauben die Erdäpfel aus der Furche.

„Ach hier seid ihr!“ Pauls Mutter ist ihren Schützlingen gefolgt.

„Wie machen sie das nur“, fragt sie Frau B.“, bei uns krieg ich die kaum ins Beet.“

„Och“, erwidert Frau B. bescheiden, „das hat sich so ergeben.“

„Ihr könnt dann gleich bei uns weitermachen“, sagt Pauls Mutter zu den eifrigen Erntehelfern und fügt für Frau B. und mich erklärend hinzu: „Wir waren nämlich im Urlaub.“

„So? Urlaub?„, schnauft meine Gartennachbarin, „Wo denn?“

„Auf Teneriffa!“ schlaumeiert Paul.

„Soll ich uns Papas arrugadas machen?“, frage ich.

„Papa was?“ albert Paul.

„Diese salzigen Kartoffeln, die wir im Urlaub gegessen haben“, erklärt Pauls Mutter.

„Au ja – mit der scharfen Soße die?“

„Mit scharfer Soße – kommt sofort“, erwidere ich.

Zunächst entfache ich das Feuer in der Schale und hänge einen Kessel mit vier Litern Wasser darüber. Je Liter Wasser streue ich 300 g Speisesalz hinein. In das kochende Wasser gebe ich vier Kilogramm kleine Kartoffeln, die wir gründlich gewaschen haben. Nach zirka 20 Minuten sind die Erdäpfel gar. Ich fische sie mit einer Lochkelle heraus und gebe sie in eine Schüssel. Während des Abkühlens bildet sich eine Salzkruste. Für die scharfe Soße (Mojo) schäle ich 100 g Knoblauch, putze zwei rote Paprikaschoten und vier scharfe Peperoni und püriere alles mit vier getrocknete Tomaten, zwei Teelöffel Kreuzkümmel, zwei Teelöffel süßes Paprikapulver, zwei Teelöffel Salz in einem Mixer. Zirka 400 bis 500 Milliliter Olivenöl und 150 Milliliter Essig gebe ich vorsichtig zu, damit die Soße nicht zu dünn wird.

Ackerbohnen mit Oliven und Zitrone

„Himmel Kruzitürken Sakrament!“  Lautes Fluchen schallt über unseren Gartenweg. Ich spähe zu Bruce hinüber. Auch meine Gartennachbarin Frau B. vermutet offenbar die Quelle des Geschreis in der Parzelle, die meiner gegenüberliegt. Wir recken unsere Hälse, doch es ist nichts zu sehen. Ich rufe: „Bruce? Was ist los?“ Es folgt ein weiterer Fluch und metallisches Scheppern. Frau B. ruft: „Holger? Können wir helfen?“

Plötzlich taucht Holgers verschwitzter Oberkörper auf. Mit seinem dreckverschmierten Gesicht sieht er einmal mehr aus wie Bruce Willis.

„Wisst ihr, was Kurtchen hier alles vergraben hat?“  Opa Kurt war Holgers Vorpächter. Ohne eine Antwort abzuwarten, klettert Bruce aus der Grube, zieht einen Metallrahmen herauf und kommt damit auf uns zu. „Ich wollte nur die Rasenkante neu setzen“, beginnt Bruce zu berichten. „Aber schon bei einem halben Spaten Tiefe kam ich nicht mehr weiter. Da hab ich den ganzen Krempel gefunden.“ Bruce deutet auf einen Haufen alte Eisenteile. „Und jetzt auch noch das hier.“ Bruce stellt den rostigen Metallrahmen vor uns ab und kratzt mit dem Spatenblatt daran herum.

Frau B. sagt: „Sieht aus wie ein Klapptischgestell.“

„Jupp.“ Bruce drückt mit Mühe die Bügel auseinander.

Der Lärm hat auch Rapunzel und Kojak angelockt.

„Bruce hat den Klapptisch ausgegraben“, informiert Frau B. die Neuankömmlinge.

„Solange es nicht der Klappstuhl ist“, kichert Kojak.

„Das könnte sogar noch taugen. Da geh ich mit der Drahtbürste drüber. Dann wird das wieder wie neu.“ Bruce klappt das Gestell zusammen.

„Sind das da hinten Ackerbohnen?“, lenkt Rapunzel unsere Aufmerksamkeit auf das Beet hinter der Ausgrabungsstätte.

„Ackerbohnen, Favabohnen, Puffbohnen, Viehbohnen, wie du willst“, bestätigt Bruce.

„Sind die schon reif?“, forscht Rapunzel weiter.

„Müssten. Ich hab die schon Ende Februar gesteckt.“

„Was machst Du damit?“

„Essen!“

„Ich meine, wie du sie zubereitest.“

„Ich? Gar nicht. Aber ich hab einen türkischen Kollegen, der macht da immer ein verdammt leckeres Essen draus.“

„Und könntest du mir das Rezept besorgen?“

Bruce grinst und kramt einen zerfledderten Zettel aus seiner Geldbörse. Rapunzel faltet das Papier mit spitzen Fingern auseinander und liest vor: „Für vier Personen zwei Gemüsezwiebeln und zwei Knoblauchzehen fein würfeln und in zwei Esslöffeln Olivenöl anschwitzen. Dann 600 Gramm Favabohnen unterrühren und mit einem Viertelliter Gemüsebrühe auffüllen. Ein Lorbeerblatt, einen Zweig Thymian, einen Zweig Rosmarin, Apfeldicksaft, Pfeffer und Salz dazugeben und zirka eine halbe Stunde bei mäßiger Hitze köcheln lassen. Währenddessen eine Zitrone schälen und in Würfel schneiden und ein halbes Bund glatte Petersilie fein hacken.
Danach die Kräuter und das Lorbeerblatt herausnehmen und die Bohnen gut abtropfen lassen. Olivenöl darüber träufeln, nochmals salzen und pfeffern, die Zitronenwürfel, die Petersilie und 170 g schwarze Oliven unter die Bohnen heben und warm servieren.“

„Mist“, sagt Bruce, “jetzt hab ich Hunger und muss die Saubohnen erst noch ernten.“

Kalter Hund

„Muorjanee!“, höre ich meine Gartennachbarin Frau B. im Telefonhörer röcheln.

Vermutlich habe ich mich kurz zuvor auch nicht viel anders angehört, als mein Smartphon klingelte und Kojaks Nummer im Display prangte. An einem Sonntag vor Sonnenaufgang, darf man so klingen.

Die Nachricht, die Kojak zu übermitteln hatte, weckte allerdings umgehend alle Lebensgeister.

„Bei dir und deinen Gartennachbarn wurden die Lauben aufgebrochen. Hast du die Telefonnummern? Dann ruf die mal an. Polizei und Vorstand habe ich schon verständigt.“

Wenig später treffen wir uns in der Gartenanlage. Kojak hatte auf seinem Heimweg vom Nachtdienst offene Gartentüren bemerkt und wenig später auch die zerstörten Laubentüren und Laubenfenster entdeckt.

Schnell wird klar, dass die Schäden an den Gebäuden größer sind, als der Wert des erbeuteten Diebesgutes.

„Handwerker waren das jedenfalls keine.“, resümiert Bruce und stellt zufrieden fest, dass die Einbrecher bei ihm außer einer Flasche Wodka nichts entwendet haben. Alle Werkzeuge liegen noch im Regal.

„Gärtner waren es auch nicht.“, sage ich und zeige auf meine prall gefüllte Saatgutdose.

„Wer will Kaffee?“, ruft Frau B. und winkt mit einer Thermoskanne.

Mir war als Notfrühstück ein Naschwerk in die Hände gefallen, das ich eigentlich meiner Tochter schenken wollte.

Ich hatte 400 g Mehl, 170 g Margarine, 120 g Rohrohrzucker, acht EL Sojasahne und einem TL Salz zu einem Teig verrührt. Den Teigklumpen wickelte ich in Klarsichtfolie und stellte ihn kühl. Nach etwa zwei Stunden rollte ich ihn auf bemehlter Arbeitsfläche dünn aus und schnitt vier mal sechs Zentimeter große Kekse, die ich in den auf 180 °C vorgeheizten Backofen schob.

Ich schmolz vorsichtig 250 g Kokosfett und rührte 250 g Puderzucker, 125 g Kakaopulver hinein. Die Schokomasse darf nicht mehr zu flüssig sein, wenn sie in eine mit Alufolie, ausgekleidete Kastenform gegossen wird. Nach der ersten Schicht Schokomasse folgt eine Schicht von den Keksen und so fort bis die Form mit einer letzten Schicht Schokomasse gefüllt ist. Danach braucht die Süßigkeit einige Stunden im Kühlschrank.

Wir schlürfen Kaffee und naschen reihum aus der Backform. Die Männer sinnieren über Einbruchsabwehrstrategien. Eisenzacken auf den Eingangstüren, Scheinwerfer mit Bewegungsmeldern oder gar Kameras werden erwogen.

„Ein Wachhund wäre doch auch was.“, scherzt Bruce und zeigt auf Rapunzel, die mit einem kleinen schwarzbraunen Hund an der Leine auf uns zustrebt. Der Hund trägt ein weiß-grün kariertes Mäntelchen und zittert. Er stellt sich am Gartenzaun auf, lässt die braunen Flecken über seinen Augen tanzen und blickt flehend in alle Richtungen.

„Du hast einen Hund?“ frage ich.

„Nur zur Pflege, bis das Frauchen wieder aus dem Krankenhaus entlassen ist.“ Rapunzel erbarmt sich und nimmt den Kleinen auf den Arm.

„Oooch, wie alt ist der denn?“ will Frau B. wissen.

„Sieben!“

Frau B. runzelt ihre Stirn. „Sieben was? Wochen?“

„Nein“, lacht Rapunzel, „sieben Jahre.“

Frau B. winkt ab. „Na, dann wird das kein Dobermann mehr.“

Bratäpfel, Rumkugeln und Bethmännchen

Weihnachtsmärkte gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsorten. Ich wurde einmal im Gedränge nachhaltig traumatisiert. Beteiligt waren drei unachtsame Leute, eine Bratwurst mit viel Senf, eine brennende Zigarette und ein Becher Glühwein. Der genaue Ablauf der Katastrophe konnte nie vollständig rekonstruiert werden. Nur so viel: Meine damals neue Jacke wurde so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass ich sie heute nur noch zur Gartenarbeit tragen kann.

Meine Gartennachbarin Frau B. steht mit Rapunzel und zwei weiteren Gärtnerinnen am Zaun. Die Damen zählen die Vorteile eines Weihnachtsmarktbesuches auf.

„Na gut,“ sage ich schließlich, „aber wir gehen zu diesem Wintermarkt, wo mein Fräulein Tochter zu Gunsten eines Tierschutzvereins Bratäpfel verkauft. Da könnt ihr gleich mal was für die gute Sache tun.“

„Fein, mal sehen, was aus den Boskoop-Äpfeln geworden ist, die sie bei mir geerntet haben,“ freut sich Rapunzel. Auch die anderen stimmen zu und ich übernehme die Führung. Immerhin habe ich schon die richtige Jacke an.

Auf dem Weg fragt Frau B.: „Wieso nennen die das Wintermarkt?“

„Keine Ahnung,“ antworte ich.

„Vielleicht wollen die Veranstalter keine religiösen Gefühle verletzen,“ mutmaßt Rapunzel.

Auf dem Wintermarkt angekommen, stellen wir schnell fest, dass ein Markt mit Bratäpfeln, Nussknackern, Spekulatius, Räucherwerk, Stollen, Lebkuchen, Kinderspielzeug und Tannenbaum mit Lichterkette heißen kann wie er will, es bleibt ein Weihnachtsmarkt. Zumindest solange er in der Adventszeit stattfindet.

Das Fräulein Tochter freut sich, uns zu sehen.

Wir ordern fünf Bratäpfel und fünf Rumkugeln und befüllen die Spendenbüchse großzügig.

Die jungen Leute vom Tierschutzverein hatten aus Rapunzels Boskoop-Äpfeln mit einem zylindrischen Stecher die Kerngehäuse entfernt. Das entstandene Loch füllten sie mit Marzipan und Rosinen. Das Fräulein Tochter schürte die Holzkohlenglut unterm Grillrost. Nach einem kurzen Aufenthalt unter der Grillhaube bekam jeder Apfel einen Guss Vanillesoße. Die Vanillesoße hatten sie aus 500 ml Mandelmilch, dem Mark einer Vanilleschote, 20 g Stärke und drei Esslöffeln Rohrohrzucker bereitet.

Für die Rumkugeln waren 300 g Zartbitterschokolade geschmolzen worden. Unter ständigem Rühren wurden 250 g Margarine, 75 g Puderzucker, 200 g gehackte Mandeln und ganz zum Schluss drei Esslöffel Rum hinzugefügt worden, bis eine gleichmäßige Masse entstanden war. Nach dem Abkühlen wurden aus der Schokomasse Kugeln geformt und diese entweder in Kakaopulver oder in Kokosflocken gewälzt.

„Und was ist das?“ Fragt Frau B. und deutet auf eine Schüssel mit goldgelben Mandelplätzchen.

„Bethmännchen,“ erklärt das Fräulein Tochter. „Einfach 200 g Marzipan Rohmasse mit einem Esslöffel Stärke, 50 g Puderzucker, 3 Esslöffeln Mandelmilch und 60 g Dinkelmehl Typ 630 verknetet, kirschgroße Kugeln geformt, mit je drei halben Mandeln verziert und im vorgeheizten Backofen bei 170 °C Ober- und Unterhitze goldgelb gebacken.“

„Eine Runde davon bitte,“ sagt Frau B. und steckt einige Münzen in die Spendenbüchse.