Ganz falscher Hase

„Ein Hase? Nie und nimmer! Das war vielleicht ein Fuchs.“ sagt Hans-Georg B.
Er steht mit seiner Frau am Zaun und deutet auf den Gartenweg.

In der Nacht war Neuschnee gefallen und nun strahlt die Sonne vom blauen Himmel. Viele Gärtner nutzen dieses schöne Wetter, um auf ihren Parzellen nach dem Rechten zu sehen. Zahlreiche Spuren bilden wirre Muster im frischen Weiß. Über den Verursacher einer der Fährten ist Familie B. offenbar uneinig.

„Das war kein Fuchs.“ brummt Bruce, der auch zu uns herangetreten war.

„Aber ein Hase war das auch nicht.“, beharrt Hans-Georg.

„Vielleicht war es eine Katze?“, mutmaße ich.

„Wenn, dann war es eine sehr kleine Katze.“ grinst Bruce und zeigt hinüber zum Hortensienstrauch, wo die Spur endet.

Plötzlich stiebt der Pulverschnee von den vertrockneten Hortensienblüten und ein rotbraunes Tierchen huscht in Richtung Apfelbaum.

„Da!“, ruft Frau B., als hätten wir es nicht alle gesehen.

„Ein Eichkater“, stellt Hans-Georg zufrieden fest.

„Ooch, wie niedlich.“ Frau B. hält den Kopf schräg und versucht die Kletterkapriolen ihres Gartengastes zu verfolgen.

„Ich fülle dann mal Vogelfutter auf.“, sagt Bruce und wendet sich zum Gehen.

„Und? Tina? Was machst du heute noch so?“ Frau B. zwinkert mir zu.

„Ich bin bei Jasmin zum Essen eingeladen.“

Meine Gartennachbarin zieht ihre Stirn kraus. „Ist Jasmin immer noch mit diesem – „, Frau B. macht eine drehende Handbewegung über ihrem Hinterkopf, „zusammen?“

„Du meinst den Duttträger?“, übersetze ich.

„Ja.“

„Keine Ahnung.“, antworte ich wahrheitsgemäß.

„Was wird es denn geben?“

„Sie hat irgendwas von ‚Falscher Hase‘ gesagt.“

„Falscher Hase? Ich denke deine Tochter isst kein Fleisch mehr? Falscher Hase ohne Hackfleisch, das Rezept würde mich ja mal interessieren.“

„Ich will sehen, was ich machen kann.“, verspreche ich.
Wir wünschen uns einen schönen Tag und wenig später hocke ich an Jasmins WG-Küchentisch und schreibe die Zutatenliste ab.

Für 4 Portionen: Rapsöl, 2 Zwiebeln und 2 Knoblauchzehen fein gehackt, je 200 g Grünkern und Hirse, ca. 1,5 Liter Wasser, 2 trockene Brötchen, 3 EL Vollfett-Sojamehl, 2 EL Sojasauce, 200 g Tofu, ein EL Thymian, ein EL Majoran, 2 EL Margarine, je eine Prise Pfeffer und gemahlener Kümmel, Salz nach Geschmack.

Das Fräulein Tochter hatte die Zwiebeln in Öl glasig gedünstet, den Knoblauch hinzugegeben und kurz mitgebraten. In einem Topf röstete sie den Grünkern mit Öl an und goß nach ein paar Minuten heißes Wasser dazu. Den Grünkern garte sie etwa 20 Minuten, gab die Hirse hinzu und ließ alles weitere 30 Minuten kochen.
Die eingeweichten Brötchen wurden gut ausgedrückt, Sojamehl mit etwa 6 EL Wasser angerührt und mit dem zerdrückten Tofu und den restlichen Zutaten unter das Getreide gemischt. Nachdem sie alles gut verknetet hatte, formte das Fräulein Tochter einen Laib.
Diesen gab sie in eine eingefettete, feuerfeste Form, bestrich ihn mit Öl und buk ihn bei 180 °C ca. 50 Minuten. Nun schnitt sie Scheiben und die anderen WG-Bewohner steuerten gekochte Kartoffeln, dunkle Soße und gebratene Champignons bei.

Kartoffelsalat mit Kurtchen

„He, was suchen Sie in meinem Garten? Kommen Sie sofort da heraus oder ich rufe die Polizei!“

Die schrille Stimme gehört zu einem kleinen, hageren Mann. Auf dem Kopf trägt er einen Strohhut. Das gestreifte Hemd entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Schlafanzugjacke und auch die restlich Kleiderordnung ist mit langer Feinrippunterhose und rosa Plüschschweinchen-Hauspantoffeln eher unkonventionell.

Der Ruf nach der Polizei lockt einige Gärtner an die Zäune. Meine Gartennachbarin Frau B., Pierre, Kojak und auch Rapunzel recken die Hälse. Nur der eigentlich angesprochene Gärtner ignoriert das Lamento, das auf dem Weg zwischen unseren Gärten abgehalten wird oder er hört es nicht.

„Das ist eine Unverschämtheit. Sie können doch nicht einfach in fremder Leute Gärten die Kartoffeln ausgraben. Die will ich doch heute meiner Frau mitbringen.“, schimpft der Strohhutträger und dreht sich Hilfe suchend um.

„Hier sie, Frau äh?“

„Aldente,“ sage ich.

„Frau Aldente, sie kennen mich doch. Sagen sie bitte dem Herren dort, das er meinen Garten verlassen soll.“

In der Tat erkenne ich den Erzürnten. Es ist Opa Kurtchen, der vor neun Monaten den Garten, der auf der andern Seite des Weges meinem gegenüberliegt, aufgegeben hat. Als seine Frau gestorben war, zog er in eine betreute Senioren-Wohnanlage an den Stadtrand.
Sein Nachfolger auf der Parzelle, ein alleinstehender Mann namens Holger, sieht aus wie der Held in der ersten Folge von „Stirb langsam“. Deshalb bekam er den Spitznamen Bruce.

Endlich wird er auf Kurtchen aufmerksam. Bruce unterbricht seine Gartenarbeit, schnappt sich einen Spankorb mit Kartoffeln und schlendert mit einem breiten Grinsen auf den zeternden Gast zu.

Frau B. gefällt sich in der Rolle der Friedensstifterin und lädt mit großer Geste alle Umstehenden zum Kartoffelsalatessen ein.

Am Gartentisch versuchen wir mit vereinten Kräften, Kurtchen beim Erinnern zu helfen. Frau B. hängt ihm eine Decke über die Schultern. Der Grill wird angeheizt. Alle klappern mit Gläsern und Geschirr und plappern durcheinander.

Rapunzel ruft unterdessen beim Seniorenheim an, gibt Kurtchens Koordinaten durch und verspricht seine Rückfahrt zu organisieren.

Der Kartoffelsalat von Frau B. wird von allen gelobt und Kurtchen gibt keine Ruhe, bis sie alle Zutaten preisgegeben hat.

Zunächst werden 1,5 Kilogramm fest kochende Kartoffeln gekocht und gepellt. Wenn die Kartoffeln ausgekühlt sind, werden sie in kleine Würfel geschnitten. Vier große Zwiebeln ebenfalls in Würfel schneiden und in Olivenöl glasig dünsten. Vier bis sechs große saure Gurken und zwei bis drei herbe Äpfel in Würfel schneiden und unter die abkühlenden Zwiebeln heben. Jeweils zwei Hände voll Schnittlauch, krause Petersilie, Olivenkraut und frische Liebstöckeltriebe fein hacken und mit Zwiebeln, Gurken, Äpfeln und den kalten Kartoffelstücken vermengen. Eine Prise Salz und Pfeffer aus der Mühle runden den Salat ab. Wenn das Öl aus der Zwiebelpfanne für die Bindung nicht ausreicht, kann auch noch ein Schuss Öl hinzugegeben werden.

Himmelfahrtskommando

Seppo-Blog-Auszeichnung

Antworten auf die Fragen 8 bis 14

Pünktlich zum diesjährigen Himmelfahrtstag und kurz nach den Feierlichkeiten zum Seppoläum möchte ich die zweite Staffel Fragen zur Seppo-Blog-Auszeichnung ins Internet posaunen.

8. Welchen Titel hatte Dein erster Blog-Eintrag, welchen wird Dein letzter haben? (Marc Kipfer)

Mein erster Blog-Eintrag war nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, „Willkommen!“ sondern „Erdbeerschnecken“. Dann habe ich aber „Willkommen!“ angepinnt und so fällt das heute gar nicht mehr auf. Oder vielmehr „Willkommen!“ fällt heute mehr auf. Genaugenommen habe ich mich zu doof angestellt und sowohl „Erdbeerschnecken“ als auch Willkommen! zunächst veröffentlicht dann gelöscht und nochmal veröffentlicht, weshalb heute sowohl bei Erdbeerschnecken  als auch bei Willkommen! eine 2 in der Linkadresse prangt. Der geneigte Leser weiß schon, was ich meine. Und dem ungeeigneten Leser kann es ja auch egal sein.

Wo war ich?

Ach ja – und der letzte Blog-Eintrag wird, vorausgesetzt, dass ich noch genügend Zeit habe, vermutlich folgenden Titel haben:

Meine Damen und Herren, liebe Follower, ich danke für die Aufmerksamkeit.

9. Was frühstückst Du? (Alex La Famee)

Kaffee ist die einzige Konstante. Die Variablen können sein: Toast mit Marmelade, Müsli, Obstsalat, Kuchen, Hirsebrei, Fruchtsaft, Sonnenschein.

10. Katze oder Hund? (Rita Raptakis)

Hund. Und zwar nach folgender Definition:

Ein Hund ist groß genug, wenn ihn ein Einbrecher nicht über den Gartenzaun kicken kann.

(Bei der Produktion dieser Definition wurden keine Tiere verletzt oder getötet.)

11. Hast Du sonst niemanden, dem Du das alles erzählen könntest? (Martina Mai)

Nun – der/das einzige mir bekannte Blog, auf dem im Wortsinn etwas erzählt wird, ist der/das „Seppolog“Sebastian Flotho hat eine gesprochene Variante seiner Beiträge.
Ich für meinen Teil beabsichtige nix zu erzählen, sondern bei der geschriebenen Variante zu bleiben. Auch wenn ich manchmal zwei Anläufe brauche.

12. Wer liest Dich überhaupt? (Ebony June)

Tja, persönlich kenne ich natürlich nicht alle Leser. Da der Landesteil „Sachsen aktuell“ der Zeitung, in der die Rezeptbeiträge erscheinen, eine Auflage von über 10000 Stück hat, nehme ich in aller Bescheidenheit an, dass ungefähr 1000 Abonnenten meine Geschichten aus dem Kleingärtnerverein lesen.

Und dann wären da ja noch die Follower.

Diese sind so freundlich, mir ab und an Kommentare zu senden, welche mich sehr aufbauen und für die ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken möchte.

Beispiele gefällig?

zu „Willkommen!“:

Das ist eine gute Idee! Liebe Grüße, Elke

zu „Kartoffel-Apfel-Auflauf“:

…hmmm, würde mir auch schmecken! LG Ottilie

zu „Aroniasaft und Mondkekse“:

Klasse geschrieben. Und interessant dazu. Liebe Grüße Mitzi
Sehr schön geschrieben 🙂 LG Madita ♡

zu „Grünkohl mit Pinkel“:

“Vegane Pinkel”! Herrlich! Ich glaube bei dem Satz, wäre mir so einiges aus dem Gesicht gefallen… 🙂 (adriasuno)

zu „Balsamicozwiebeln, Feldsalat & Walnüsse“:

Ich habe diese Zeilen sehr genossen! Bin auch noch hungrig. Auf mehr..;-) (Nora)

zu: „Chicorée à la Pierre“:

Welch schöne Geschichte. Ich habe mich durchgeschmunzelt. 🙂 (Zeilenende)

zu „Five Shades of Green“:

Hallo Karo-Tina!

Habe ich dir schon gesagt, dass ich deine literarische Art des Schreibens sehr mag? Falls nicht, hole ich das hiermit nach. 🙂 Liebe Grüße Jenni

Solche Artikel finde ich großartig. Klasse (Arabella)

o, wie schön, dass du mich gefunden hast!
woher kennst du meine gartennachbarin??? 🙂 ich freu mich über alle argumente gegen chemie!!
schönste grüne grüße, andrea

zu „Katerfrühstück mit sauren Gurken“::

Wieder mal herrlich zu lesen (und vergnügt vor sich hin zu lachen 🙂 (gajako)

Wie wunderbar großartig kann man denn bitte ein Rezept verpacken???!!! Grandios! (Maja von Schwartzenberg)

tolle Geschichte 🙂 (giftigeblonde)

Natürlich gab es auch kritische Töne – Moment – nee, doch nicht. Hab ich ein Glück. 🙂

Aaaber es gab noch mehr Lobhudelei. Zum Beispiel bei Facebook: von Roxana Pircher zu „Chicorée à la Pierre“:„Sehr schön geschrieben.“

Oder von TausendmalDu zu Balsamicozwiebeln, Feldsalat & Walnüsse: Soooooooooo schön geschrieben 🙂 Ich konnte es mir bildlich vorstellen 🙂

Bei allen Kommentatoren, die hier keine Berücksichtigung fanden möchte ich um Entschuldigung bitten. Man liest sich. Versprochen.

13. Was müsste geschehen, dass Du mit dem Bloggen aufhörst? (Sabienes Shelm)

Ja, was müsste geschehen? So einfache Dinge wie zum Beispiel ein Weltuntergang könnten mich schon vom Bloggen abbringen. Doch bevor es soweit ist, lese ich: Kassandra und blogge weiter.

14. Welche Eigenschaft an einem Menschen schätzt Du am meisten? (Thomas Peter)

Ich mag an jedem Menschen etwas anderes. Aber Kreativität schätze ich bei allen. Besonders beeindruckt haben mich in jüngster Vergangenheit:

Jacob, der mich mit immer neuen Präsentationen verblüfft. Da isst das Auge wirklich gern mit.

Simoneteffect, wo schwarzweiß mein Leben bunt macht.

Dosenkunst, wo ich im Garten ganz bequem Streetart gucken kann.

Sylvia,  Christin  und  Amy deren Poesie mich sehr berührt.

Auch bei Familie NieselpriemLale und Candy bin ich sehr gern zu Gast.

Natürlich gibt es noch viele, viele andere BloggerInnen, die mit Ihren Fotografien, Geschichten und Gedichten für viel Freude im Garten sorgten und sorgen.

Ich rufe allen zu: Danke, Danke, Danke!

Und damit derlei Dankesworte von mir künftig kreativer kommuniziert werden können, bilde ich mich erst mal bei Jana  weiter.

Fräulein Tochters Pflaumenknödel

Mein Pflaumenbaum steht in der von mir gepachteten Parzelle vermutlich schon seit 1965. Er hat mittlerweile die stattliche Größe von mindestens sieben Metern erreicht. Ich wiederum wurde von Mutter Natur mit großem Respekt vor allen Höhen über siebzig Zentimeter ausgestattet.

An dieser Stelle kommt mein Fräulein Tochter ins Spiel. Obgleich meinem Schoß entsprungen, klettert sie wie ein Äffchen und sucht selbst an den steilsten Klippen die äußersten Kanten auf. Früher trieb sie mich mit diesen Vorlieben regelmäßig an den Rand meiner Möglichkeiten. Heute jedoch ist sie, wie zum Ausgleich für meine erlittenen Ängste, zur Pflaumenerntezeit zur Stelle.

„Mama“, fragt sie dann in guten wie in schlechten Jahren, „Mama wie viele Pflaumen brauchen wir denn?“

Und meine Antwort lautet immer: „Heute zwei große Eimer voll für uns und einen für Frau B. aber die anderen Früchte müssen später auch noch runter.“

Meine Gartennachbarin Frau B. stellt uns ihre sehr große Leiter zur Verfügung. Nachdem wir das Monstrum zu dritt in die Krone des Pflaumenbaumes gezirkelt haben, entschwindet das Fräulein Tochter mit Haken, Eimer und Seil in luftigen Höhen und Frau B. und ich sichern die Leiter am Boden, damit, sollte meine Tochter doch einmal abstürzen, wenigstens jemand da ist, dem sie auf den Kopf fallen kann.
„Geht mal beiseite,“ ruft das Fräulein Tochter fröhlich, nachdem sie drei Eimer mit Pflaumen gefüllt und abgeseilt hat.

Frau B. und ich bringen die Ernte in Sicherheit. Dann hüpft meine Tochter wie ein wild gewordener Schimpanse in der Obstbaumkrone herum. Ringsum prasseln die Früchte nieder.

„Da wird eine Menge Mus,“ stellt Frau B. fest und beginnt das Ergebnis des Obstschlages einzusammeln.

Da aber nie alle Pflaumen gleichzeitig reif sind, werden wir uns schon am nächsten Wochenende wiedertreffen müssen.
So habe ich Gelegenheit meine Tochter zu überraschen, indem ich ihre Lieblingsspeise zubereite. Dazu koche ich anderthalb Kilo Pellkartoffeln und mache einen feinen Brei daraus. In diesen siebe ich zirka 350 Gramm Mehl vom Typ 405 (besser noch Typ 550) und knete einen Teig, der nur ganz wenig klebt. In einer Pfanne acht Esslöffel mildes, möglichst desodoriertes Rapsöl erhitzen und zehn Esslöffel Semmelbrösel darin goldbraun rösten. 36 kleine Pflaumen schneide ich gerade soweit auf, dass sich der Stein entfernen lässt. Statt des Steines stecke ich ein kleines Stück Würfelzucker hinein. Den Kartoffelteig rolle ich auf der Arbeitsplatte aus und schneide 36 Stücke. Diese forme ich mit den Händen zu Kugeln und drücke runde Teigplatten daraus. Damit umhülle ich die Pflaumen. In einen großen Topf mit sprudelnd kochendem Wasser gebe ich zwei Teelöffel Salz und danach portionsweise die Pflaumenknödel. Diese sinken zunächst auf den Topfboden, steigen aber nach wenigen Minuten wieder an die Wasseroberfläche. Mit einer Schaumkelle fische ich die fertigen Pflaumenknödel heraus und wälze sie in den Semmelbröseln. Zu guter Letzt wird noch Zucker und Zimt darüber gestreut und auch mit Vanillesauce schmecken sie sehr gut.