Blind-Date Edition #2 “Summer Wine”

Liebe LeserInnen,

was kommt dabei heraus, wenn sich 11 GartenbloggerInnen zu einem festlegten Song Gedanken machen und die entstandenen Beiträge zeitgleich ins Internet stellen? Unter dem Motto „Summer Wine“ hat jede/r von uns einen Beitrag zu dem gleichnamigen Song von Nancy Sinatra geschrieben.
Wir wissen nicht was die Anderen geschrieben haben, es gab keine inhaltliche Abstimmung und wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis!

Mit dabei sind:

Gartenbaukunst 

Hauptstadtgarten 

Beetkultur 

Rienmakaefer 

Der kleine Horrorgarten 

Ye olde Kitchen 

Laubenhausmädchen 

Meineeine 

Cardamonchai 

Sind im Garten 

Milli Bloom 

Viel Spaß beim Lesen & abwegige Grüße aus dem Garten

Ein Wintertraum

„Heide“, sagt Waltraut, legt ihrer Freundin beide Hände auf die Schultern und sieht ihr lange in die Augen. „Heide, du solltest das alles aufschreiben. Am besten im Internet. Da gibt es diese Blogs. Das ist alles ganz einfach. Und wenn du es aufschreibst, kann jeder darauf zugreifen und es lesen.“

Heide Rose hatte vor Kurzem einen Garten gepachtet und erzählt Waltraut beinahe täglich von ihren Gartenplänen. Mehr als Pläne machen, könne sie noch nicht, findet Heide, denn es ist Mitte Dezember und der Garten liegt unter einer dicken Schneedecke.

Die Freundinnen setzen sich vor Heides Laptop und schon nach kurzer Zeit ist ein Blog eingerichtet. „Heide Roses Gartenblog“, liest Waltraut laut vor und lehnte sich zufrieden zurück.

„Ich weiß nicht.“ Heide zögert.

„Du kannst ja später den Namen noch ändern, wenn dir etwas Originelleres einfällt“, beschwichtigt Waltraut.

Heide veröffentlichte fortan regelmäßig Texte und Fotos. Schon im Januar stellen sich die ersten Follower ein. Christrose veröffentlicht täglich einen Sinnspruch aus der Bibel. Winterjasmin postet Gedichte über seine Beziehung zu Zäunen.

Schon bald finden sich Winterling, Schneeglöckchen 2000 und Krokus Safran im Kreise der Follower ein. Bereits im März meldet sich Tulipa Tulpe mit ihrem bunten Blog voller Lebensweisheit und verleiht Heide Rose einen „Liebster Award“.

Mit jedem warmen Frühlingstag nimmt die Zahl der Follower zu. Ende April vermeldet WordPress: Du hast bereits 100 Follower. Neben Lonicera Kamschatka und Erdbeermieze liken und kommentieren auch Salvia, Minzekatze und Pfefferkraut Heide Roses Beiträge.

Heide Rose verknüpft ihren Facebook-Account mit dem Blog und meldet sich bei Twitter an. Sie läd sich die WordPress-App auf ihr Smartphone und kann nun auch beim Jäten und Harken sofort auf das Bloggeschehen reagieren.

Erdbeermieze ruft mit Kirschgut und Rebenstolz zur Fruchtwein-Blogparade und Heides Vernetzung wächst und wächst.

Längst vergessene Lieder werden aus den Tiefen des Internets gefischt und als Song des Tages serviert.

Löwenzahn und Giersch bloggen mutig gegen Diskriminierung.

Magnolia gibt Tulipa Tulpe und all den anderen Frühblühern Fitness-Tipps.

Angelika Engelwurz testet Räucherwerk und postet tausend Küsse an ihre Follower auf Facebook.

Lunaria beobachtet die Farne und Moose in ihrer Umgebung und ruft ab und an zu einem Gewinnspiel auf.

Heide Rose ist wie im Rausch. Tag für Tag verbringt sie ein paar Minuten mehr im Internet. Verwundert nimmt sie zur Kenntnis, dass Schneeglöckchen 2000 und Krokus Safran ihr zwar noch folgen, aber selbst keine Beiträge mehr veröffentlichen.

Tulipa Tulpe annonciert Mitte Juni eine Blogpause bis zum nächsten Februar.

Der Sommer beginnt.

Johannis Beer veröffentlicht seine Marmeladenrezepte.

Eichblattsalat und Gurkenzelt wetteifern mit Giersch und Löwenzahn um das beste Rezept für grüne Smoothies.

Angelika Engelwurz sendet Küsse und testet Mixer.

Das tränende Herz ist in eine Hummel verliebt. Heide Rose spendet Trost und Likes.

Alte Lieder werden neu aufgenommen. Gecovert heißt das, denkt Heide Rose. Sie googelt und recherchiert, sie harkt und pflanzt und erntet und konserviert. Sie postet Rezepte, Blumenbilder und Gestaltungsideen.

Die Welt um Heide Rose beginnt sich zu drehen. Zunächst langsam. Dann schneller und schneller. Es ist ein Taumel.

„Heide“, sagt Waltraut und rüttelt ihre Freundin, “du bist eingenickt.“

Heide Rose reibt sich benommen die Augen. „Was, wie?“

„Bloggen solltest Du, hab ich gesagt“, wiederholt Waltraut.

„Ich weiß doch gar nicht, wie das funktioniert. Wenn der Schnee weg ist, fange ich mit der Gartenplanung an.“ Heide Rose blickt sehnsüchtig aus dem Fenster.

„Das kriegen wir schon hin. Gib mal deinen Laptop rüber. Zuerst brauchen wir einen Titel. Wie wäre es mit ‚Heide Roses Gartenblog‘?“

Scharfe Kirschen und Hundeblumenhonig

„Der Hans-Georg will da einen Zaun hin bauen“, schreit meine Gartennachbarin Frau B. und deutet auf den Streifen Lavendelpflanzen, der die Grenze zwischen unseren Parzellen markiert.

Im Hintergrund schiebt Herr B. seinen Rasenmäher übers Wiesengrün. Sonnabendnachmittag, denke ich. Im ausgefüllten Rentnerleben des Hans-Georg B. gibt es offenbar keine andere Zeit als diese, um Klee und Co. zu trimmen.

„Muss es denn unbedingt ein Zaun sein?“ frage ich.

„Was?“ Frau B. biegt ihr Ohr mit der Hand in meine Richtung. „Der Hans-Georg macht so‘n Krach. Hans-Georg, jetzt schalt doch mal das Ding aus. Die Karo will was wissen.“

Herr B. unterbricht seine Tätigkeit, schiebt seinen Strohhut aus der Stirn und gesellt sich zu uns.

„Die Kirschen sind bald reif“, sagt er und deutet auf meinen Sauerkirschbaum.

„Jetzt lenk nicht ab, Karo will wissen, warum du da den Zaun bauen willst.“ entgegnet Frau B. unwirsch.

„Na weißt du doch, die Moni hat doch jetzt den Bruno.“ brummt Hans-Georg.

In der Tat hatte Bruno mir schon einen Besuch abgestattet. Er inspizierte meine Kartoffelzeilen und auch mein Löwenzahnbeet gefiel dem temperamentvollen Promenadenmischling.

„Och“, sage ich, “so schlimm find ich Bruno nicht. Ein Zaun wär schlimmer.“

„Das sagst du jetzt, und was wenn Bruno an deiner Laube sein Bein hebt?“ Herr B. schüttelt besorgt den Kopf.

„Höher als 80 Zentimeter darf der Zaun doch eh nicht werden und da springt Bruno locker drüber“, wende ich ein.

„Wie du willst, spar ich Arbeit und Geld. Aber mal was anderes: Was machst du eigentlich mit den vielen Sauerkirschen?“

„Gute Frage. Zunächst mal Sauerkirsch-Schoko-Peperoni-Marmelade. Dazu entsteine ich 1 kg Sauerkirschen gebe 500 g Gelierzucker 2:1, eine kleine, scharfe, feingewürfelte Peperoni, aus der ich zuvor die Kerne entfernt habe und 200 g grob gehackte Bitterschokolade (mind. 70 %) dazu. Das Gemisch koche ich zirka 5 Minuten bis die Schokolade gut verlaufen ist und fülle es dann in bereitgestellte Schraubdeckelgläser.“

Ich sehe in Hans-Georgs Augen,  dass er in den Standby-Modus geschaltet hat und fahre dennoch unbeirrt fort:

„Und damit Abwechslung auf den Frühstückstisch kommt, nehme ich an einem trockenen Tag 250 g bis 300 g von Brunos Lieblingslöwenzahnblüten. Ich zupfe alle grünen Blütenteile ab und koche die gelben Blütenblätter zusammen mit Scheiben von zwei Zitronen in einem Liter Wasser für eine halbe Stunde. Den abgekühlten Sud schütte ich durch ein sauberes Tuch. Danach rühre ich ihn in einem großen Topf mit 2 kg Rohrohrzucker koche das Ganze nochmals für ungefähr 45 Minuten auf kleiner Flamme bis die Masse geliert. Den beim Kochen entstehende Schaum schöpfe ich ab. Je länger der Löwenzahnhonig kocht, desto zähflüssiger wird er. Wie die Kirschen, fülle ich die Masse in Schraubdeckelgläser und stürze diese.“

Nach einer längeren Pause habe ich Hans-Georgs Aufmerksamkeit wieder.

„Da gibt es doch bestimmt Kostproben? Ich helfe auch bei der Kirschernte.“ beginnt er zu verhandeln.

„Nur wenn das Rasenmähen demnächst nicht mehr am Wochenende stattfindet.“

„Versprochen“