Sandorn-Hagebutten-Suppe

„Ist das nicht schön?“ Mein Fräulein Tochter strahlt übers ganze Gesicht und lehnt sich an ihren Freund, der seine Blicke schweifen lässt wie ein Großgrundbesitzer.
Die beiden stehen vor einer zirka 200 Quadratmeter großen Kleingartenparzelle in unserer Anlage, nur einen Gartenweg von meinem Garten entfernt. Im Vordergrund rostet ein altes Rollreifenfass, dahinter schließen sich einige Rosensträucher und vier Sanddornbüsche an, die grade groß genug sind, um die alte Holzlaube pittoresk erscheinen zu lassen.
„Was habt ihr dafür bezahlt?“
„Das ist das Beste! Wir haben sogar noch vierhundertfünfzig Euro bekommen.“
„Aber dafür müsst ihr doch bestimmt noch viele Aufgaben erfüllen?“
„Die drei großen, alten Stubben und die Zuckerhutfichte müssen wir roden, den frei stehenden Schuppen dahinten abreißen und vierzig Quadratmeter Gemüsebeete neu anlegen. Wollen wir mal reingehen?“
Ich nicke.
Wir betreten den Weg aus alten Betonplatten, der schnurgrade vom Gartentor zur Gartenlaube führt.
„Den müssen wir auch noch neu gestalten.“ Jasmin beschreibt mit großer Geste den Bogen, in dem der künftige Weg vom Tor an die Grenze zur Nachbarparzelle und weiter zum Gartenhaus verlaufen soll.
Neben der Laube liegt ein Riffelblech.
„Was ist denn da drunter?“ Ich bücke mich und versuche die Metallplatte anzuheben.
„Ach“, wiegelt das Fräulein Tochter ab, das ist eine alte Grube, die müssen wir auch noch verfüllen. Unter dem Blech ist der Rand eines eingegrabenen Fasses zu sehen. Ein beißender Geruch schlägt uns entgegen. „Das ist ja widerlich.“ Ich wende mich ab.
„Der alte Pächter hat gesagt, dass er jahrelang nichts mehr da reingetan hat“, nörgelt Jasmin.
„Riecht nicht so“, stellt der neue Hausherr fest und nestelt an seinem Dutt.
„Das kriegen wir schon hin, nicht?“ Jasmin knufft ihren Philosophen in die Seite.
Bei den Sanddornsträuchern, stelle ich fest, dass die Beeren reif sind. Sie sind kräftig orange, weich und auf der Oberfläche leicht glasig.
„Komm, wir pflücken gleich.“ Jasmin holt eine Schale. Ihr Freund zupft unterdessen Hagebutten von den Rosenbüschen. „Lass noch welche für die Vögel dran“, instruiert ihn das Fräulein Tochter. „An diesem Sanddorn hier sind gar keine Beeren“, wundert sie sich. „Das könnte daran liegen, dass das ein männlicher Strauch ist“, mokiert sich ihr Galan.
„Ich wollte nur mal testen, ob du das weißt“, schmollt Jasmin.
Sie legt Folien unter die weiblichen Sanddornpflanzen. „Für den Fall, dass welche runterfallen“, kommentiert sie. Vorsichtig beginnen wir mit der Ernte. „Nachher zählen wir, wer die wenigsten Kratzer hat“, ruft Jasmin fröhlich.
Zuhause halbieren wir 250 g Hagebutten und entfernen die Kerne. Wir setzen sie zusammen mit 150 g gewaschenen und zerdrückten Sanddornbeeren, 50 g Zucker, 20 g geschältem und fein gehacktem Ingwer und einem halben Liter naturtrübem Apfelsaft für 20 Minuten zum Köcheln auf.
Danach ziehen wir den Pürierstab kurz durch die Suppe, würzen mit Vanillezucker und Zimt und servieren mit Birnenstückchen, gehackten Walnüssen und Zwieback.

Rosenkohlcremesuppe mit karamellisierten Walnüssen

Seit Bruce im Vorstand mitarbeitet, komme ich kaum noch an seinem Garten vorbei, ohne dass er mir Aufträge aufhalst. Mal soll ich einen Brief bei einem Gartenfreund, der in meiner Nachbarschaft wohnt, einwerfen, mal braucht Bruce Hilfestellung beim Anbringen von Zetteln im Informationskasten. Auch heute ruft er: „Karo, warte mal bitte einen Augenblick.“

Ich stelle meinen Spankorb mit Rosenkohl ab und Bruce eilt mit langen Schritten auf mich zu. Er fragt: „Hast du morgen Nachmittag schon was vor?“
Was für eine Frage? Natürlich habe ich was vor. Ich habe immer irgendwas vor. Ich schüttele meinen Kopf.

„Fein“, strahlt Bruce, „dann kannst du doch bestimmt den Baumsachverständigen zu unserem Walnussbaum am Vereinsheim führen?“

„Was ist dem mit dem Baum?“

„Da sind ziemlich zentral einige große Pilze gewachsen und ich befürchte, dass die darüber befindlichen Äste abbrechen.“

„Das wäre aber schade.“ Ich ziehe einen Flunsch.

„Viel schlimmer wäre, wenn wir deshalb den ganzen Baum fällen müssen.“ Bruce reicht mir einen Beutel mit Walnüssen. „Hier – es sind vielleicht die letzten.“

„Wann kommt der Baumsachverständige?“ frage ich.

„Gegen vierzehn Uhr. Wenn du nicht dagegen hast, sende ich ihm deine Telefonnummer.“

„Ok!“ Ich lege die Walnüsse zu meinen Kohlröschen.

Zu Hause putze ich ein halbes Kilo Rosenkohl und halbiere die Röschen. Dann schäle und würfele ich dreihundert Gramm mehlig kochende Kartoffeln. Außerdem schäle und hacke ich zwei Schalotten und schwitze sie in heißem Rapsöl an. Später gebe ich den Rosenkohl und die Kartoffeln zu den Schalotten und gieße 500 Milliliter Gemüsebrühe an. Nach zirka zwanzig Minuten ist das Gemüse gar und ich püriere es mit dem Zauberstab. Während des Pürierens gieße ich 350 Milliliter Sojamilch dazu. Drei kräftige Prisen Muskatnuss und zwei Esslöffel Weißweinessig werden untergerührt, die Suppe kurz aufkochen, dann die Hitze reduzieren und ungefähr vier Minuten sachte köcheln lassen.

Währenddessen erhitze ich einen Esslöffel Rapsöl in einem kleinen Tiegel. Darin bringe ich zwei Esslöffel Rohrohrzucker zum Schmelzen. Jeweils einen Esslöffel Wasser und Balsamicoessig rühre ich hinein, bis der Zucker anfängt zu karamellisieren. Dann gebe ich 80 Gramm grob gehackte Walnusskerne dazu und würze mit Salz und Pfeffer.

Dann nehme ich die Suppe vom Herd, rühre fünf Esslöffel Sojasahne hinein, schmecke mit Salz und Pfeffer ab und streue vier Esslöffel gehackte, krause Petersilie darüber.

Es geht nichts über frische Walnusskerne. Jedes Jahr gibt es ein wunderbares Schauspiel, wenn die Nüsse reif sind und die Gartenfreunde schon in aller Frühe im Laub unterm Baum herumsuchen. Jeder tut so, als sei er rein zufällig vorbei gekommen und habe just im Augenblick die Idee gehabt ein paar Nüsse aufzuklauben. Manchmal jedoch fallen die Masken und der Futterneid tritt offen zu Tage. Bruce kam einmal dazu, wie zwei Kleingärtner mit Holzstangen, die sie zum Abschlagen von Nüssen verwendet hatten, aufeinander losgingen. Er hatte damals Mühe die Streithähne zu trennen.

Chicorée à la Pierre

Da unsere Kleingartenanlage recht groß ist, kommt es vor, dass neue Gärtnerinnen und Gärtner, die ihre Namen nicht schnell genug publik machen, von den Nachbarn einen Spitznamen erhalten. Schnell wird aus Eva Rapunzel oder aus Detlef Kojak. Ein Gärtner den alle Pierre nennen, heißt eigentlich Lutz. Er ist ein schlanker, hochgewachsener Mann mit blonden Locken und hellgrauen freundlichen Augen und erinnerte die Gartenfreunde wohl an Pierre Richard.

Pierre besitzt großes altes Glasgewächshaus. Darin legt er zur Winterzeit eine Sandmiete an, in der er neben Mohrrüben auch Chicorée-Wurzeln lagert. Aus den Blattachsen und Terminalknospen der Chicorée-Wurzeln treiben bis zum Frühjahr zirka 20 Zentimeter lange und bis zu 5 Zentimeter dicke Knospen.

Bei meinen Frühlingsspaziergängen durch unsere Anlage verweile ich gern an Pierres Zaun und betrachte das schöne Gewächshaus mit dem aus Ziegeln gemauerten Fundament und den lilienförmigen Firstspitzen. Ich hoffe, Pierre anzutreffen. Als es endlich geklappt hat, bedeutet er mir mit verschmitztem Grinsen, ihm ins Treibhaus zu folgen. Beim Eintreten zieht er den Kopf ein und weicht geschickt der hinter der Tür vom First baumelnden roten Petroleum-Laterne aus, bückt sich, nimmt einen Karton beiseite, bricht ein paar der Chicorée-Knospen aus und reicht sie mir.

„Salat mit Orange und Rosinen?“ fragt er.

Keine schlechte Idee, denke ich. Es ist wohl das bekannteste Chicorée-Salat-Rezept. Einfach einen Apfel und eine Apfelsine schälen, filetieren und in mundgerechte Happen schneiden, feingeschnittene Streifen von Chicorée-Knospenblättern, Nüsse und Rosinen dazugeben und je nach Laune Balsamico, ein Vinaigrette-Dressing oder einfach nur Zitronensaft darüber gießen – fertig.

„Wie wär es denn mit Grillen? Ich habe Walnussbrot gebacken.“ Pierre sieht mich fragend an.

Ich trete ins Freie.

„Hast du etwa auch Nüsse vom Baum am Vereinsheim gestohlen?“, frage ich mit gespielter Strenge.

Hinter mir scheppert es.

„Hoppla“, feixt Pierre, “nicht gestohlen nur gefunden.“

Er presst seine rechte Hand an die Stirn. Mit schief gehaltenem Kopf duckt er sich unter dem Türrahmen durch, bleibt prompt mit dem Fuß an der Schwelle hängen, stolpert und stößt mit mir zusammen.

Wir sammeln die Chicorée-Ernte wieder auf. Pierre heizt den Grill. Ich putze und wasche die Knospen, schneide die groben Strünke heraus und wir legen die Gemüseschiffchen zusammen mit Walnussbrotscheiben auf den Holzkohlegrill. Auf die gegrillten Brotscheiben legen wir auch Feldsalatblättchen und Schnittlauchspitzen.

Am Zaun schleicht Kojak vorbei, aber das ist eine andere Geschichte.

Und hier noch schnell das Rezept für Pierres Walnussbrot:

Ein Päckchen Trockenhefe mit 1 EL Zucker, 1 TL Salz, 2 EL Öl und 250 ml warmem Wasser vermengen. 400 g Mehl und 100 g Walnusskerne hinzufügen und alles zu einem Teig verarbeiten. Zugedeckt an einem warmen Ort ca. 1 Stunde gehen lassen.
Den Ofen auf 200 °C Ober-/Unterhitze vorheizen. Einen Laib formen und auf ein mit Backpapier bedecktes Blech setzen. Nach ca. 30 Minuten ist das Brot fertig.