Willkommen!

Die die Mehrzahl der Texte dieses Blogs, wurden bereits in der Verbandszeitschrift des LSK (Landesverband Sachsen der Kleingärtner) „Sachsen aktuell“ veröffentlicht.

Dieser Blog dient dazu, die Geschichten und Rezepte auch einem größeren Personenkreis zugänglich zu machen.

Außerdem wird es hier hin und wieder Beiträge geben, die nicht in der Zeitung standen.

Ich wünsche allen Lesern gute Unterhaltung.

Kommentare und Anregungen sind ausdrücklich erwünscht.

Karo-Tina Aldente

Bratäpfel, Rumkugeln und Bethmännchen

bratapfel

Weihnachtsmärkte gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsorten. Ich wurde einmal im Gedränge nachhaltig traumatisiert. Beteiligt waren drei unachtsame Leute, eine Bratwurst mit viel Senf, eine brennende Zigarette und ein Becher Glühwein. Der genaue Ablauf der Katastrophe konnte nie vollständig rekonstruiert werden. Nur so viel: Meine damals neue Jacke wurde so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass ich sie heute nur noch zur Gartenarbeit tragen kann.

Meine Gartennachbarin Frau B. steht mit Rapunzel und zwei weiteren Gärtnerinnen am Zaun. Die Damen zählen die Vorteile eines Weihnachtsmarktbesuches auf.

„Na gut,“ sage ich schließlich, „aber wir gehen zu diesem Wintermarkt, wo mein Fräulein Tochter zu Gunsten eines Tierschutzvereins Bratäpfel verkauft. Da könnt ihr gleich mal was für die gute Sache tun.“

„Fein, mal sehen, was aus den Boskoop-Äpfeln geworden ist, die sie bei mir geerntet haben,“ freut sich Rapunzel. Auch die anderen stimmen zu und ich übernehme die Führung. Immerhin habe ich schon die richtige Jacke an.

Auf dem Weg fragt Frau B.: „Wieso nennen die das Wintermarkt?“

„Keine Ahnung,“ antworte ich.

„Vielleicht wollen die Veranstalter keine religiösen Gefühle verletzen,“ mutmaßt Rapunzel.

Auf dem Wintermarkt angekommen, stellen wir schnell fest, dass ein Markt mit Bratäpfeln, Nussknackern, Spekulatius, Räucherwerk, Stollen, Lebkuchen, Kinderspielzeug und Tannenbaum mit Lichterkette heißen kann wie er will, es bleibt ein Weihnachtsmarkt. Zumindest solange er in der Adventszeit stattfindet.

Das Fräulein Tochter freut sich, uns zu sehen.

Wir ordern fünf Bratäpfel und fünf Rumkugeln und befüllen die Spendenbüchse großzügig.

Die jungen Leute vom Tierschutzverein hatten aus Rapunzels Boskoop-Äpfeln mit einem zylindrischen Stecher die Kerngehäuse entfernt. Das entstandene Loch füllten sie mit Marzipan und Rosinen. Das Fräulein Tochter schürte die Holzkohlenglut unterm Grillrost. Nach einem kurzen Aufenthalt unter der Grillhaube bekam jeder Apfel einen Guss Vanillesoße. Die Vanillesoße hatten sie aus 500 ml Mandelmilch, dem Mark einer Vanilleschote, 20 g Stärke und drei Esslöffeln Rohrohrzucker bereitet.

Für die Rumkugeln waren 300 g Zartbitterschokolade geschmolzen worden. Unter ständigem Rühren wurden 250 g Margarine, 75 g Puderzucker, 200 g gehackte Mandeln und ganz zum Schluss drei Esslöffel Rum hinzugefügt worden, bis eine gleichmäßige Masse entstanden war. Nach dem Abkühlen wurden aus der Schokomasse Kugeln geformt und diese entweder in Kakaopulver oder in Kokosflocken gewälzt.

„Und was ist das?“ Fragt Frau B. und deutet auf eine Schüssel mit goldgelben Mandelplätzchen.

„Bethmännchen,“ erklärt das Fräulein Tochter. „Einfach 200 g Marzipan Rohmasse mit einem Esslöffel Stärke, 50 g Puderzucker, 3 Esslöffeln Mandelmilch und 60 g Dinkelmehl Typ 630 verknetet, kirschgroße Kugeln geformt, mit je drei halben Mandeln verziert und im vorgeheizten Backofen bei 170 °C Ober- und Unterhitze goldgelb gebacken.“

„Eine Runde davon bitte,“ sagt Frau B. und steckt einige Münzen in die Spendenbüchse.

Auf die Glocke

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MitmachBlog

Liebe LeserInnen,

Klingeling, Platz da, ich habe ein neues Fahrrad.

Sie haben Recht.

Ich habe mich rar gemacht,auf dem MitmachBlog.

Das hat mit dem realen Leben zu tun.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Moment mal – hat die nicht in einem anderen Beitrag hier im Mitmach-Blog schon einmal soetwas geschrieben?

Bevor sich jetzt hier irgendwer beim scrollen die Finger bricht schreibe ich: Ja!
Ich gebe es zu. Ich wiederhole mich.

Leider konnte ich meinen Nachbarn vom Planeten Dings nicht zur Pausenvertretung überreden.

Statt einfach mal zu posten: Soundso, die hab zu viel anderen Kram zu tun und kann deshalb hier leider nix zu Themen schreiben, die in den seltensten Fällen meine Wunschthemen sind, hoffte ich Woche für Woche auf einen freien Moment, einen Geistesblitz und nahm mir ein ums andere Mal vor einen Beitrag zu leisten.

Zwischendurch schmiedete ich auch den einen oder anderen Plan, wie ich das wöchentliche Voting…

Ursprünglichen Post anzeigen 150 weitere Wörter

Im Getriebe des „Liebster Award“

getriebe

Liebe LeserInnen,

schon bei der vorangegangenen Nominierung zum „Liebster Award“ brach ich die Regeln, nominierte niemanden und stellte keine Fragen. So will ich es auch weiter halten.

Dennoch fühle ich mich geehrt, wenn ich nominiert werde.

Im vorliegenden Fall war es Manuela Mordhorst von Lebensbilder.

Vielen herzlichen Dank für die Nominierung.

Manuela fragt:

1. Wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Ich bin unbeschreiblich.

2. Was brachte Dich dazu genau diesen Blog zu schreiben?

Für den Landesteil „Sachsen aktuell“ der Zeitung „Gartenfreund“ wurde eine unterhaltsame Artikelserie konzipiert, in welcher die Themen Garten und Ernährung verknüpft werden.
Der Blog entstand, um mehr Leser erreichen zu können.

3. Was ist dein Lieblingsbuch?

Immer das Buch, welches ich gerade lese.

4. Was inspiriert Dich für Deinen nächsten Artikel?

Das Leben.

5. Womit verbringst du am liebsten deine Freizeit?

Essen, schlafen, Gartenarbeit, kochen, schreiben …

6. Welche Kunstform spricht dich selbst am meisten an?

Die bildende Kunst.

7. Worüber kannst du richtig herzlich lachen?

Über Späße mit Freunden.

8. Was war der peinlichste Moment, den du je erlebt hast?

Kein Kommentar!

9. Wein oder Bier?

Limonade.

10. Was gefällt dir besonders gut an dem Blog „Lebensbilder“

Die abstrakten „Landschaften“.

11. Was macht dich glücklich?

Gutes Essen.

 


			

Dahliensirup und Dahlienrösti

dahlie

„In einem guten Kleingärtnerverein ist jederzeit das komplette Sortiment eines mittelgroßen Baumarkts vorrätig,“  sagt Bruce und lehnt sich lässig an seine Gartenpforte. Seit Ende des vergangenen Jahres bewirtschaftet er die Parzelle gegenüber. Als er einzog, stellte er sich als Holger vor, bekam aber wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Bruce Willis schnell seinen Spitznamen.

Seither hat sich auf unserem Gartenweg viel geändert. Nicht nur, dass einige Gärtnerinnen auffällig oft vorbei kommen, um sich Rat in Handwerksfragen zu holen. Auch bei den Herren der Schöpfung ist Bruce sehr beliebt. Ein Halbzoll-Schlauchschelle? Ein 19er Brett mit Nut und Feder? Dreiadriges Erdkabel mit 4 mm² Querschnitt? Wer kurzfristig in Materialnot gerät, fragt Bruce. Wenn der im Fundus seiner bis unters Dach vollgestopften Laube nichts findet, ist zumindest die Wahrscheinlichkeit groß, dass er weiß, welcher andere Kleingärtner weiterhelfen könnte.

„Na, ihr zwei?“  Rapunzel war zu uns herangeschlendert und schiebt nun auffällig langsam ihre blonden Zöpfe hinter ihre Schultern.

„Bruce erklärt mir grad seinen Baumarkt.“,  sage ich und zwinkere Rapunzel zu.

„Och, würd ich jetzt so nicht – ich mein bloß – wir alle zusammen, könnten schon ein ganzes Sortiment …“ Bruce kratzt sich am Hinterkopf.

„Ja, Karo, wir beide füllen die Dekoabteilung.“,  lacht Rapunzel.

„Was für eine Dekoabteilung?“,  mischt sich meine Gartennachbarin Frau B. ins Gespräch.

„Oder die Blumenabteilung.“,  spinne ich weiter.

Frau B. schüttelt mit dem Kopf, wie nur sie es kann.

„Dekoabteilung? Blumenabteilung? Ich verstehe Bahnhof!“

„Nicht Bahnhof, Baumarkt!“,  scherzt Bruce, der seine Lässigkeit wiedergefunden hat.

Frau B. wuchtet eine Kiste mit Dalienknollen auf ihr Bollerwägelchen.

„Daheim im Keller überwintern?“,  fragt Rapunzel.

„Nee. Da mach ich heute Abend Rösti draus und stell sie dem Hans-Georg als Kartoffel-Rösti hin.“

Wir starren Frau B. verständnislos an.

„Könnt ihr glauben, das kam neulich im Fernsehen. Dahlienknollen sind essbar, besonders meine gelb-orangen hier, die schmecken angeblich wie Schwarzwurzeln.“

Frau B. schmunzelt in die Runde.

„Du willst uns wohl auf den Arm nehmen?“

Rapunzel nimmt mit spitzen Fingern eine Knolle aus der Kiste.

„Also Dahlienblütensirup kenne ich ja,“ wende ich ein. „Der geht einfach. 500 g Rohrohrzucker und 500 ml Wasser aufkochen und um etwa ein Viertel reduzieren. Zirka 25 Dahlienblüten auszupfen, das Weiße von den Blütenblättern entfernen und die bunte Mischung mit der Zuckerlösung übergießen. Nach zirka drei Tagen in der Sonne haben die Blütenblätter ihre Farbe verloren und der Sirup kann an einem kühlen, dunklen Ort gelagert werden.“

„Das kenn ich auch,“ schmunzelt Frau B.,„der Sirup taugt auch für Likör. Aber heute Abend probiere ich die Dahlienknollen aus.“

„Einfach braten?“,  fragt Rapunzel noch immer ungläubig.

„Einfach putzen, raspeln und mit Rapsöl, Zwiebeln und Muskat in die Pfanne hauen. Mal sehen was Hans-Georg sagt. Soll ja angeblich sogar aphrodisische Wirkung haben.“

Es gibt was zu feiern

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Vor einem Jahr wurde der erste Beitrag auf diesem kleinen Blog veröffentlicht.
Heute, 37 Beiträge später, möchte ich zurückblicken und Danke sagen.

Danke an 430 Follower aus 9 Ländern und auch an alle anderen Besucher.

Danke für über 8400 Aufrufe.

Danke für über 3000 Likes.

Danke für über 300 Kommentare.

Die meisten Likes erhielt Kartoffelsalat mit Kurtchen.
Die meisten Kommentare kamen zu Scharfe Kirschen und Hundeblumenhonig.

Ich hoffe, auch in den kommenden zwölf Monaten möglichst viele Leser unterhalten und erheitern zu können.

Ich Danke Euch allen, Ihr seid die Besten.

Allerliebste Grüße aus dem Garten  🙂  😀

Kartoffelsalat mit Kurtchen

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„He, was suchen Sie in meinem Garten? Kommen Sie sofort da heraus oder ich rufe die Polizei!“

Die schrille Stimme gehört zu einem kleinen, hageren Mann. Auf dem Kopf trägt er einen Strohhut. Das gestreifte Hemd entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Schlafanzugjacke und auch die restlich Kleiderordnung ist mit langer Feinrippunterhose und rosa Plüschschweinchen-Hauspantoffeln eher unkonventionell.

Der Ruf nach der Polizei lockt einige Gärtner an die Zäune. Meine Gartennachbarin Frau B., Pierre, Kojak und auch Rapunzel recken die Hälse. Nur der eigentlich angesprochene Gärtner ignoriert das Lamento, das auf dem Weg zwischen unseren Gärten abgehalten wird oder er hört es nicht.

„Das ist eine Unverschämtheit. Sie können doch nicht einfach in fremder Leute Gärten die Kartoffeln ausgraben. Die will ich doch heute meiner Frau mitbringen.“, schimpft der Strohhutträger und dreht sich Hilfe suchend um.

„Hier sie, Frau äh?“

„Aldente,“ sage ich.

„Frau Aldente, sie kennen mich doch. Sagen sie bitte dem Herren dort, das er meinen Garten verlassen soll.“

In der Tat erkenne ich den Erzürnten. Es ist Opa Kurtchen, der vor neun Monaten den Garten, der auf der andern Seite des Weges meinem gegenüberliegt, aufgegeben hat. Als seine Frau gestorben war, zog er in eine betreute Senioren-Wohnanlage an den Stadtrand.
Sein Nachfolger auf der Parzelle, ein alleinstehender Mann namens Holger, sieht aus wie der Held in der ersten Folge von „Stirb langsam“. Deshalb bekam er den Spitznamen Bruce.

Endlich wird er auf Kurtchen aufmerksam. Bruce unterbricht seine Gartenarbeit, schnappt sich einen Spankorb mit Kartoffeln und schlendert mit einem breiten Grinsen auf den zeternden Gast zu.

Frau B. gefällt sich in der Rolle der Friedensstifterin und lädt mit großer Geste alle Umstehenden zum Kartoffelsalatessen ein.

Am Gartentisch versuchen wir mit vereinten Kräften, Kurtchen beim Erinnern zu helfen. Frau B. hängt ihm eine Decke über die Schultern. Der Grill wird angeheizt. Alle klappern mit Gläsern und Geschirr und plappern durcheinander.

Rapunzel ruft unterdessen beim Seniorenheim an, gibt Kurtchens Koordinaten durch und verspricht seine Rückfahrt zu organisieren.

Der Kartoffelsalat von Frau B. wird von allen gelobt und Kurtchen gibt keine Ruhe, bis sie alle Zutaten preisgegeben hat.

Zunächst werden 1,5 Kilogramm fest kochende Kartoffeln gekocht und gepellt. Wenn die Kartoffeln ausgekühlt sind, werden sie in kleine Würfel geschnitten. Vier große Zwiebeln ebenfalls in Würfel schneiden und in Olivenöl glasig dünsten. Vier bis sechs große saure Gurken und zwei bis drei herbe Äpfel in Würfel schneiden und unter die abkühlenden Zwiebeln heben. Jeweils zwei Hände voll Schnittlauch, krause Petersilie, Olivenkraut und frische Liebstöckeltriebe fein hacken und mit Zwiebeln, Gurken, Äpfeln und den kalten Kartoffelstücken vermengen. Eine Prise Salz und Pfeffer aus der Mühle runden den Salat ab. Wenn das Öl aus der Zwiebelpfanne für die Bindung nicht ausreicht, kann auch noch ein Schuss Öl hinzugegeben werden.

In der Erinnerung riecht es nach Fallobst und nach Fisch *

lieblingsreisetasche

„Was soll das denn werden?“ Der dicke Mann sieht mich besorgt an.

Zugegeben, ich gebe bei meinem Versuch, meine Lieblingsreisetasche vor meinem Schlafzimmerschrank zu fotografieren, vermutlich keine sehr gute Figur ab. Aber da ich mich nun einmal auf die Teilnahme bei der SBA 2016 eingelassen habe, komme ich um die Erstellung eines vorschriftsmäßigen Beitragsbildes nicht herum.

„Ich mach hier nur schnell ein Foto für die dritte Runde der Seppo-Blog-Auszeichnung 2016.“ erwidere ich fahrig.

lieblingsreisetasche

Der dicke Mann runzelt seine Stirn. „Was ist das überhaupt für einer, dieser Seppo?“

„Für mich?“ frage ich zurück. „Für mich ist es mein erster Follower.“

„Da bist du vermutlich nicht die Einzige.“

„Sei’s drum. Was die SBA 2016 angeht, wurde ich von Julia Heuser vorgeschlagen, von Sebastian Flotho nominiert und habe in vier mühevoll erstellten Beiträgen die Fragen der zweiten Runde beantwortet. Das ist eindeutig zuviel Aufwand, um jetzt nicht auch noch Runde drei hinter mich zu bringen.“

sbaaufgepeppt

„Und dazu brauchst Du ein Foto von Deiner Reisetasche?“

„Von meiner Lieblingsreisetasche. Ist sie nicht schön?“

„Ja. Schön schwarz.“

„Phantastisch, nicht wahr? Ein großer Trolley, der sich bei Bedarf in einen Rucksack umbauen lässt.“

„Ich kenne das Teil, wir waren schon ein paar Mal gemeinsam auf Reisen damit.“

Der dicke Mann wirkt mürrisch.

„Bist Du mürrisch?“

„Ich? Nein!“

Der dicke Mann schnappt sich meine Notizen und liest laut vor:
„Folgende Gegenstände befinden sich im gepackten Koffer: ein Nasenhaartrimmer, eine Duftkerze, eine Tür, ein „H&M“-Katalog, ein Zylinder, ein Volleyball-Schläger, eine Landkarte von Tasmanien und ein geheimnisvolles Kästchen.“
Er lässt den Zettel sinken. „Was für ein Quatsch.“

„Herrje, Seppo ist halt Irrelevanzlieferant. Was erwartest Du?“

„Und Du machst bei diesem Quatsch mit?“

„Ich bringe die Dinge halt gern zu Ende. Du kennst mich doch.“

„Auch wieder wahr, Ihro Sturheit.“

Der dicke Mann liest weiter vor: „Fügt dem (fiktiven!) Koffer einen (nicht zwei, sondern einen!) Gegenstand hinzu, mit dem Ihr etwas verbindet (nein, kein Kabel!). Schreibt, warum Ihr diese Gegenstände, auch die oben gelisteten, mitnehmt und vor allem: wohin mitnehmt! Das ist ein Ort Eurer Wahl und es muss nicht die klassische einsame Insel sein. Ein Ort, der für Euch steht. Ob es ein Frauen- oder Baumhaus ist, ein Museum oder eine Industrieruine, oder ob es sich um ein fernes Land oder Rutztekostan handelt – lasst Euren Gedanken uneingeschränkten Lauf, der Ort kann auch fiktiv sein.“

Wir schweigen. Der dicke Mann hält es nicht lange aus und fragt: „Wohin willst Du?“

„Keine Ahnung. Ist die Erinnerung ein Ort?“

„Du willst in die Erinnerung reisen? Dann pack eine Uhr dazu oder besser einen Kalender.“

„Zunächst muss ich schreiben, warum ich die anderen Gegenstände mitnehme.“

„Das ist einfach. Weil es so gefordert wurde.“

„Das ist zu einfach.“

„Du willst diese Runde nicht nur zu Ende bringen, sondern auch noch mit Inhalten füllen?“

„Nicht mit Inhalten, mit Irrelevanzen.“

„Das wird mir jetzt zu kompliziert. Also mal angenommen, Du reist in die Erinnerung, nimmst den vorgeschriebenen Kram mit und eine Uhr …“

„Ich würde dann doch lieber einen Kalender oder mein Feuerzeug …“

„Da musst du dich schon entscheiden.“

„Feuerzeug, ich wähle das Feuerzeug.“

„Also ich fasse nochmal zusammen: Du nimmst mit einen Nasenhaartrimmer, weil?“

„Weil Du mich begleiten wirst.“

„Auf eine Reise in die Erinnerung?“

„Ja.“

„Weiter, wozu eine Duftkerze?“

„Weil Du mich begleiten wirst.“

„Wie bitte?“

„Du weißt schon. Seit Du Dich vegan ernährst stinken Deine Fürze fürchterlich.“

„Das schreibst Du aber nicht mit auf.“

„Was? Das mit den Fürzen?“

„Nein, das ich mich vegan ernähre. Da fühlen sich manche Omnivoren gleich unter Druck gesetzt.“

„Aber deine Fürze stinken nun mal weil …“

„Das ist doch völlig irrelevant.“

„Eben.“

Der dicke Mann stöhnt.

„Weiter, wozu eine Tür?“

„Eine Tür ist immer gut zu gebrauchen. Ich kann sie aufreißen, sie jemandem vor der Nase zuschlagen oder einen Briefkasten daran aufhängen, damit mir ein Probeabo zugestellt werden kann.“

„Vielleicht solltest du einen Briefkasten mitnehmen, statt des Feuerzeugs.“

„Das ist eine Überlegung wert.“

„Weiter, was willst Du mit einem „H&M“-Katalog?“

„Das weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht – vielleicht Preise vergleichen?“

„Preise vergleichen? In der Erinnerung?“

„Warum nicht? Vielleicht schreibe ich dann was über den Zusammenhang von Inflation und Irrelevanz.“

„Wie Du meinst. Weiter, einen Zylinder, wozu brauchst du den?“

„Den setzt ich bei meinen Lesungen auf.“

„Bei welchen Lesungen?“

„Die aus meinem Buch über den Zusammenhang von Inflation und Irrelevanz.“

„Dann brauchst du den Volleyball-Schläger um aufdringliche Fans fern zu halten?“

„Zum Beispiel.“

„Die Landkarte von Tasmanien?“

„Gibt es Tasmanien in der Erinnerung nicht?“

„Doch, vermutlich schon.“

„Siehste! Stell dir mal vor, wir kommen in der Erinnerung durch Tasmanien und müssen dann andauernd nach dem Weg fragen. Das wäre doch nervig.“

„Sehr nervig. Aber noch nerviger ist die Fragerei auf dem Weg nach Tasmanien.“

„Dafür hab ich ein Navi.“

„Ein Navi für den Weg in die Erinnerung?“

„Ein Navi für den Weg nach Tasmanien, ein Navi für den Weg aus der Erinnerung. Was weiß denn ich. Haben wir jetzt alles?“

„Bliebe noch das geheimnisvolle Kästchen.“

„Da könnte der Briefkasten drin sein.“

„Oder das Navi.“

„Erstmal muss ich schreiben, warum ich das geheimnisvolle Kästchen mitschleppe. Warte, hier steht es ja, weil ich den Gegenstand, der sich im Kästchen befindet, einem Menschen übergeben soll, der ihn verdient hat.“

„Und wen triffst du?“

„Ich treffe dich.“

„Mich? Ich denke ich soll dich auf deiner Reise begleiten?“

„Damit ich dich treffen kann. Wir reisen schließlich in meine Erinnerung und da bist Du ja ein anderer als in deiner Erinnerung.“

„Dann ist also im Kästchen ein Navi?“

„Damit du wieder zurückfindest aus meiner Erinnerung.“

„Und welcher war der zusätzliche Gegenstand? Feuerzeug oder Briefkasten.“

„Mein Feuerzeug. Du hörst mir nie richtig zu.“

Der dicke Mann schaut versonnen aus dem Schlafzimmerfenster.
Er ist nicht wirklich dick. Ich habe ihn 2002 in einem Text mal den dicken Mann genannt, weil wir gute Freunde sind. Und dabei ist es dann geblieben. Ich hätte ihn auch ‚meinen Mitbewohner‘ nennen können oder auch ‚der Mann der in meiner Wohnung wohnt‘. Aber das hätte später zu Verwirrungen führen können, zu Plagiats-Prozessen gar.
Der dicke Mann blättert in einem Ordner mit Zeitungen von damals.

„Hier, schreib doch eine von den alten Geschichten ab. Dann hat dein SBA 2016 Beitrag sogar noch was mit Essen zu tun.“

Gar keine schlechte Idee.

Doch vorher verabschiede ich mich mit
weitgereisten Grüßen aus dem Garten.

PS: Wer wissen möchte, wie der dicke Mann gefälschten Fisch macht oder andere Geschichten aus meiner Erinnerung lesen möchte, der hinterlasse mir bitte einen dahingehenden Kommentar. Aber nun viel Spaß mit

essstabchen

Sushi interruptus

Die Volkshochschule bot Ikebana-Kurse an. Meine Kollegin Barbara und ich schrieben uns ein. Selbermachen ist geil. Leider bekamen wir die Mitteilung, der Kurs sei ausgebucht. Alternativ können folgende Kurse belegt werden:

1. Origami – Von Laternen und Drachen
2. Tourist in Japan – Was sollte ich wissen?
3. Gefaltetes Metall – Japanische Schwertschmiedekunst zwischen Tradition und Gegenwart

Der dicke Mann linste mir über die Schulter und fragte: „Mit Kamikaze ist nichts dabei?“

„Nein, und damit du nicht weiter fragst, Harakiri steht auch nicht im Programm.“

„Und was macht ihr jetzt?“

„Hier steht noch 4. Sushi und die moderne japanische Küche. Diesen Kurs werden wir wohl nehmen.“

„Sushi, ist das nicht mit rohem Fisch?“

„Ich will da nichts essen, ich will da was lernen.“

In der Volkshochschule entpuppte sich alles als graue Theorie. Schon wegen der Hygienevorschriften, argumentierte unser Lehrer, könne er keine Kochshow präsentieren. Dafür warf er verschiedene Messer, Algen und Fische an die Wand, via Videobeamer.
Am Ende der Veranstaltung erhielten alle Kursteilnehmer ein paar Essstäbchen mit echten japanischen Schriftzeichen und eine Visitenkarte mit der Adresse der Sushi-Bar unseres Lehrers.

„Ich dachte, es geht mehr um die Zubereitung von Essen,“ nörgelte Barbara auf der Heimfahrt. „Statt dessen weiß ich jetzt eine Menge über Messer und Religion.“

„Tja,“ sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Ich werde morgen nach der Arbeit mal in den Asia-Shop am Hauptbahnhof gehen und nachschauen, ob es dort Umeboshi-Pflaumen, Noriblätter und den ganzen anderen Kram gibt, den ich mir heute notiert habe.“

Leider wurde der Asia-Shop seinem Namen nicht gerecht. Ich hatte die Auswahl zwischen Porzellanschnickschnack, asiatischen Fertiggerichten und Gemüse schlechtester Qualität. Die restlichen drei Viertel der Ladenfläche wurden von einem umfangreichen Getränkeangebot eingenommen. Wenigstens Ingwer fand ich, kaufte eine große Wurzel und fragte nach Noriblättern. Der Kassierer lächelte und fragte: „Sushi maken?“
Irgendwie kam es mir komisch vor diese Frage mit ja zu beantworten. Doch ich tat es und erhielt eine Plastiktüte mit der Adresse eines Asia-Großmarktes.

Am nächsten Tag wurden alle meine Wünsche erfüllt. Der dicke Mann kramte nach meiner Heimkehr sofort in meinem Rucksack.

„Was ist denn das?“ fragte er und hielt eine kleine Bambusmatte hoch.

„Das brauchst du zum Maki-Sushi machen. Hat jedenfalls der Verkäufer gesagt.
Der dicke Mann stöberte weiter. „Nori,“ las er, „Seetang – für Sushirollen, Mirin – fermentierter Reiswein, Aonori – Algenflocken zum Garnieren. Umeboshi – grüne japanische Pflaume in Salz eingelegt, Wasabi – grüner Meerettich (sehr scharf).“

„Schau, ich habe bei zwanzig Euro Umsatz noch eine Packung Wakame dazu bekommen,“ sagte ich.

„Brauchst du die denn?“

„Nein, aber der Mann an der Kasse hat gesagt: Gut für Suppe.“

Der dicke Mann hatte preisgesenkte Möhren, Paprika und Gurken aus dem Bioladen angeschleppt.

Wir hätten unseren Sushi-Versuch starten können.

Aber irgendwie sind wir dann doch zuerst im Bett gelandet.

* Zitat Gerhard Schöne (Liedermacher)